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Großbaustelle

Quelle: Fotolia / Irina Fischer

Die deutsche Bauwirtschaft und Ingenieurskunst genießen weltweit einen hervorragenden Ruf. Dennoch haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Bauprojekten mit erheblichen Kosten- und Terminüberschreitungen (z. B. Stuttgart 21, Flughafen BER, Elbphilharmonie Hamburg, Bundesnachrichtendienst, Schleuse Brunsbüttel, Hochmoselbrücke) die Frage aufgeworfen, ob oder inwieweit es strukturelle Defizite bei Planung und Realisierung von Großprojekten in Deutschland gibt. Bürgerinnen und Bürger zweifeln zunehmend die Fähigkeit von Politik, Verwaltung und Wirtschaft an, Großprojekte erfolgreich durchzuführen. Hinzu kommt der Ärger über offensichtlich zu niedrig kalkulierte Baukosten. Aus diesem Anlass hat das damalige Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung 2013 die Reformkommission Bau von Großprojekten ins Leben gerufen.

Aufgabe der Kommission war es, konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln, um Kostenwahrheit, Kostentransparenz, Effizienz und Termintreue bei Großprojekten zu verbessern und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die öffentliche Hand als Bauherr zu stärken. Dazu hat sie den gesamten Bauprozess - von der ersten Projektidee bis zur Inbetriebnahme - auf den Prüfstand gestellt. Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass mit ihren Steuergeldern verantwortungsvoll umgegangen wird. Außerdem geht es darum, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bauindustrie zu verbessern.

Die Reformkommission ist mit 35 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Verbänden besetzt. Sie wird in unregelmäßigen Abständen weiterhin zusammenkommen, um die Umsetzung der Empfehlungen zu bewerten.

Endbericht der Reformkommission

Im Juni 2015 hat die Reformkommission ihren Endbericht mit Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Verwaltung vorgelegt.

Ausgangspunkt der Empfehlungen ist die Erkenntnis, dass es keinen Alleinverantwortlichen für die Fehlentwicklung bei Großprojekten gibt. Die Komplexität von Großprojekten erfordert einen kompetenten und leistungsstarken Bauherren, eine intensive Planung unter Nutzung digitaler Möglichkeiten, einen ehrlichen und fundierten Umgang mit Zeit, Kosten und Risiken, klare Anreize für alle Beteiligten zur Erreichung der gleichen Ziele und eine offene Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern. Von der Bedarfsplanung bis zur Nutzung ist ein partnerschaftliches Zusammenwirken der Bauherren, der Planer, der Bauunternehmer, der Berater und der Nutzer notwendig.

Um Großprojekte in Zukunft erfolgreicher zu gestalten, fordert die Reformkommission deshalb von allen Projektbeteiligten bei der Planung und Realisierung von Großprojekten einen grundlegenden Kulturwandel.

Die Handlungsempfehlungen richten sich an alle, die an der Planung und Realisierung von Großprojekten beteiligt sind. Auch wenn sich die Reformkommission in erster Linie mit öffentlichen Großprojekten befasst hat, können die meisten Empfehlungen auch auf private Großprojekte übertragen werden.

Aktionsplan Großprojekte

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat auf der Grundlage der Kommissionsempfehlungen einen Aktionsplan Großprojekte erarbeitet. Er wurde am 9. Dezember 2015 vom Bundeskabinett verabschiedet und umfasst zehn Themenfelder, in denen konkrete Maßnahmen angestoßen werden sollen, um mehr Kostenwahrheit, Transparenz und Terminsicherheit bei öffentlichen Großprojekten zu erreichen.

Die Umsetzung des Aktionsplans soll dazu beitragen, dass öffentliche Großprojekte künftig durchgängig in einer Weise geplant, organisiert und realisiert werden, die vorbildhaft und international richtungsweisend sein kann.

Im Einzelnen geht der Aktionsplan Großprojekte auf folgende Punkte ein:

  1. Kooperatives Planen im Team
  2. Erst planen, dann bauen
  3. Risikomanagement und Erfassung von Risiken im Haushalt
  4. Vergabe an den Wirtschaftlichsten, nicht den Billigsten
  5. Partnerschaftliche Projektzusammenarbeit
  6. Außergerichtliche Streitbeilegung
  7. Verbindliche Wirtschaftlichkeitsuntersuchung
  8. Klare Prozesse und Zuständigkeiten/Kompetenzzentren
  9. Stärkere Transparenz und Kontrolle
  10. Nutzung digitaler Methoden – Building Information Modeling (BIM)

Umsetzung des Aktionsplans

Building Information Modeling (BIM) wird bei zahlreichen Straßen-, Schienen- und Wasserstraßenprojekten angewendet. Ein frühzeitiges und kontinuierliches Risikomanagement sowie die partnerschaftliche Projektzusammenarbeit werden zudem bei jeweils mehreren Straßenbauprojekten erprobt.

Im Dezember 2015 hat Bundesminister Alexander Dobrindt einen Stufenplan zur Einführung von Building Information Modeling im Verkehrsbereich vorgestellt. Ab 2020 soll BIM im Zuständigkeitsbereich des BMVI bei neu zu planenden Projekten regelmäßig angewendet werden.

Zudem hat das BMVI die Entwicklung eines "Leitfadens Großprojekte" beauftragt. Dieser soll in komprimierter Form den typischen Ablauf von Infrastrukturprojekten nachzeichnen und praktische Hinweise zur besseren Organisation, Planung und Realisierung von Großprojekten enthalten. Eine Veröffentlichung des Leitfadens Großprojekte ist für Ende 2017 vorgesehen.