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Flasche mit Findezettel
Flasche mit Findezettel

Quelle: Kym Illman

 Am 21. Januar 2018 entdeckte das australische Paar Tonya und Kym Illman am Strand von Wedge Island, rund 180 Kilometer nördlich von Perth, Australien, eine Flaschenpost der Deutschen Seewarte. Bislang gab es keinen längeren Zeitraum zwischen der Übergabe einer wissenschaftlichen Flaschenpost an das Meer und deren Auffinden.

Die Flaschenpost war vor 132 Jahren am 12. Juni 1886 von der deutschen Bark PAULA, einem Hochseefrachtschiff, rund 900 Seemeilen vor der australischen Küste zur Erkundung von Meeresströmungen dem südindischen Ozean übergeben worden.

Eintrag im meteorologischen Journal - Seite aus dem meteorologischen Journal der PAULA mit dem Eintrag vom 12. Juni 1886 „Stromflasche über Bord“
Eintrag im meteorologischen Journal - Seite aus dem meteorologischen Journal der PAULA mit dem Eintrag vom 12. Juni 1886 „Stromflasche über Bord“

Quelle: DWD


Den Fund gaben das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sowie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) und der Deutsche Wetterdienst (DWD) anlässlich eines Senatsempfangs der Freien und Hansestadt Hamburg zu Ehren der Gründung der Norddeutschen Seewarte und damit des Starts der maritimen Dienste in Deutschland bekannt.
Der Parlamentarische Staatssekretär im BMVI, Enak Ferlemann, Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, die Präsidentin des BSH, Monika Breuch-Moritz, und der Präsident DWD, Prof. Dr. Gerhard Adrian, freuen sich über den Fund und über die Tatsache, dass sich die australischen Finder auch mit DWD und BSH in Verbindung gesetzt haben.
Einen so alten Beleg der wissenschaftlichen Arbeit der Deutschen Seewarte zu entdecken ist etwas Besonderes, betonte Staatssekretär Enak Ferlemann.

Herr Ferlemann präsentiert das Meteorologische Journal der PAULA aus dem Jahr 1886 (re. Prof. Dr. Gerhard Adrian)
Herr Ferlemann präsentiert das Meteorologische Journal der PAULA aus dem Jahr 1886 (re. Prof. Dr. Gerhard Adrian)

Quelle: Claudia Thomsen (BSH)

Auch wenn die Wissenschaft nicht mehr Glasflaschen mit Zetteln verwendet, ist das Prinzip der Erforschung der Strömung bis heute gleich geblieben. Autonom arbeitende Argofloats treiben durch die Ozeane und senden über Satellit die relevanten ozeanographischen Daten, darunter auch Strömungsdaten, an Datenzentren zur Auswertung. Oberflächendrifter messen neben der Wassertemperatur und dem Salzgehalt meteorologische Parameter wie Luftdruck und -temperatur.
Dieser Fund zeigt eindrucksvoll, mit welchen einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln die Erforschung von Ozean und Atmosphäre begann. Heute geht nichts mehr ohne Satelliten, so Prof. Dr. Gerhard Adrian, Präsident des DWD. Trotz dieser Entwicklung haben wir mit den damals erhobenen Daten einen wahren Schatz. Sie dienen der Klimaforschung, und die erhaltenen meteorologischen Journale der Schiffe beinhalten auch für andere Forschungszweige wertvolle Informationen.
Die Präsidentin des BSH und maritime Botschafterin der Internationalen Schifffahrts-Organisation IMO, Monika Breuch-Moritz, wies auf wesentliche Aspekte des Fundes nach rund 130 Jahren hin: Auch wenn wir Erkenntnisse über die Meere heute mit anderen Mitteln gewinnen, hat sich an ihrer Bedeutung nichts geändert. Insbesondere der Wert der langen Datenreihen, die daraus entstanden sind, ist für die Wissenschaft unverzichtbar. Erst über lange Datenreihen gewinnen wir Erkenntnisse über die Veränderungen in den Meeren. Breuch-Moritz wies auch darauf hin, dass dieser Fund zeigen würde, wie eng DWD und BSH nach wie vor zusammenarbeiten. Es sei eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit der maritimen Dienste für die Sicherheit der Seeschifffahrt.

Gruppenbild (v.l.nr.): Monika Breuch-Moritz (Präsidenten BSH), Olaf Scholz (Erster Bürgermeister), Enak Ferlemann (PStS. BMVI), Prof. Dr. Gerhard Adrian (Präsident DWD)
Gruppenbild (v.l.nr.): Monika Breuch-Moritz (Präsidenten BSH), Olaf Scholz (Erster Bürgermeister), Enak Ferlemann (PStS. BMVI), Prof. Dr. Gerhard Adrian (Präsident DWD)

Quelle: Claudia Thomsen (BSH)


Wissenschaftliches Hilfsmittel Stromflasche

Erste wissenschaftliche Meeresforschungen unter Verwendung verschlossener Flaschen, auch Stromflaschen genannt, fanden 1786 in der Bucht von Biscaya und zeitgleich vor der Küste der Vereinigten Staaten von Amerika statt. Die Flaschen enthielten sogenannte Flaschenfindezettel, auf denen die genaue Zeit und die geographische Lage des Ortes vermerkt waren, an dem die Flaschenpost dem Meer übergeben wurde. Der Flaschenfindezettel forderte – in der Regel in mehreren Sprachen – auf, Ort und Zeit des Fundes zu vermerken und den Zettel an das hydrographische Institut des Landes oder eine diplomatische Einrichtung des Herkunftslandes der Flaschenpost zu übergeben. In Deutschland führte Georg von Neumayer 1864 die Flaschenpost als wissenschaftliches Hilfsinstrument zur Untersuchung von Strömungen ein. Als Direktor der Deutschen Seewarte, der Nachfolgeinstitution der Norddeutschen Seewarte, entwickelte er 1872 Standardformulare zur Erfassung der Daten. Ab 1887 waren deutsche Schiffe verpflichtet, Flaschenposten an die Meere zu übergeben.

Die Bark PAULA
Die Bark PAULA

Quelle: Bark PAULA, Gemälde von Eduard Adam, Schiffahrtsmuseum-Unterweser, Brake


Authentizität der gefundenen Flaschenpost

Untersuchungen des Western Australien Museum in Perth sowie des DWD und des BSH haben bestätigt, dass es sich um eine Flaschenpost handelt, die im Auftrag der Deutschen Seewarte ausgesetzt worden war. Das Formular in der Flasche ist identisch mit den Flaschenfindezetteln, die von der Deutschen Seewarte verwendet wurden.
Auf dem Zettel ist als Ort für die Übergabe an das Meer „32° 49‘‘ S und 105° 25‘‘ O“ vermerkt. Laut dem meteorologischen Journal der PAULA, das dem DWD vorliegt, befand sie sich auf dem Weg von Cardiff nach Makassar (Indonesien) und zurück und war am 12. Juni um die Mittagszeit auf diesen Koordinaten. Der Kapitän hat im Journal für diesen Tag „Stromflasche über Bord“ vermerkt. Die Schrift auf dem Flaschenfindezettel ist identisch mit der Schrift in dem meteorologischen Journal.
Analysen des Flaschenglases durch das Western Australian Museum in Perth ergaben, dass die Flasche um 1880 in den Niederlanden produziert worden war. Sie enthielt ursprünglich Gin oder Schnaps der Firma DANIEL VISSER & ZONEN/SCHIEDAM. Diese Flaschen haben heute Sammlerwert.
Im Archiv des DWD-Seewetteramtes in Hamburg befinden sich rund 37 000 meteorologische Journale, in denen die Besatzungen von Schiffen bei ihren Seereisen alle vier Stunden meteorologische Beobachtungen eintrugen. Darunter ist auch das meteorologische Journal der Bark PAULA.

Reiseroute der Bark PAULA im Jahr 1886
Reiseroute der Bark PAULA im Jahr 1886

Quelle: DWD


Mit zirka 660 zurückgesandten Briefen beherbergt das BSH an seinem Standort in Hamburg die wahrscheinlich größte Flaschenpostsammlung der Welt. Darunter befindet sich neben zahlreichen Flaschenfindezetteln aus der Zeit der Deutschen Seewarte auch die älteste von Georg von Neumayer dem Meer übergebene Flaschenpost.
Das Western Australian Museum und die Finder Tonya und Kym Illman veranstalten heute eine gemeinsame Pressekonferenz in Perth, Australien. Die Flasche und ihr Inhalt werden zusammen mit umfangreichen Informationen einen Platz in der Abteilung „Maritime Archäologie“ des Museums erhalten.
BSH und DWD feiern in diesem Jahr die Gründung der Norddeutschen Seewarte im Jahr 1868, die den Start der die maritimen Dienste in Deutschland markiert. Das vorrangige Ziel der Einrichtung war, durch meteorologische und ozeanographische Beobachtungen von den Schiffen und mit Segelanweisungen auf Basis der Beobachtungen die Seewege sicherer zu machen und die Segelzeiten zu verkürzen.