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Gebäude des BSH
1881 bezog die Deutsche Seewarte ihr neues Gebäude auf dem Stintfang. Das Haus wurde 1945 zerstört

Quelle: BSH/DWD

150 Jahre Norddeutsche Seewarte bieten eine ganze Menge interessanten Lesestoff zu vielfältigen Themen rund um die maritimen Dienste. Das reicht von Portraits von Persönlichkeiten, die die Geschichte der Seewarte geprägt haben, bis hin zur Darstellung von Aufgaben der beiden Nachfolgeorganisationen DWD und BSH.

Historischer Überblick

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Ozeanische Reisen zu sichern und abzukürzen, indem die jahreszeitlich unterschiedlichen Wind- und Strömungsverhältnisse auf den Weltmeeren genutzt werden – mit diesem Ziel eröffnete der Rektor der Großherzoglich Oldenburgischen Navigationsschule in Elsfleth, Wilhelm Ihno Adolf von Freeden, am 1. Januar 1868 die Norddeutsche Seewarte. 28 Reeder sowie die Handelskammern in Bremen und Hamburg unterstützten und förderten die Gründung dieses privaten Instituts, das im Hamburger Seemannshaus (heute Hotel „Hafen Hamburg“) einige Räume bezog.

150 Jahre später erinnern Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sowie Deutscher Wetterdienst (DWD) unter dem Motto „Über Wasser - unter Wasser“ gemeinsam an die Entwicklung, die die nautisch-hydrographischen und meteorologischen Dienste seither genommen haben. Beide Bundeseinrichtungen des Ministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) bilden die Nachfolgeorganisationen der Deutschen Seewarte.

Reisezeiten verkürzt
Hydrographie und Meteorologie steckten 1868 noch in den Kinderschuhen. Etwas mehr als 20 Jahre zuvor hatte der US-amerikanische Marine-Leutnant Matthew Fontaine Maury seine Wind- und Strömungskarten herausgegeben. Segelanweisungen auf neuen Routen verkürzten damit die bisherigen Reisezeiten auf See, indem die natürlichen Winde und Strömungen genutzt wurden. Diese Erkenntnisse trieben von Freedens Überlegungen voran. Sofort nach Gründung der Seewarte schaffte er meteorologische Instrumente an, um sie mit den Instrumenten auf den Schiffen zu vergleichen. Seeküstenvermessungen wurden durch-geführt. Von Freeden gab so genannte Journale (Schiffstagebücher) aus, in die die Schiffs-besatzungen während der Seereisen alle vier Stunden nach einem bestimmten Schema ihre Wetterbeobachtungen eintrugen. Bis zum Jahr 1934 sind so rund 37 000 solcher Journale zustande gekommen und überliefert, die im Seewetteramt des DWD in Hamburg ausgewertet, digitalisiert und der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Mit seinen individuellen Segelanweisungen, so errechnete von Freeden, verkürzte sich die Reisezeit der von ihm beratenen Schiffe bei der Ausfahrt um 7,1 und bei der Heimreise um 4,0 Tage. Rund 850 solcher Segelanweisungen schrieb von Freeden zwischen 1868 und 1875.

Ebenfalls 1868 entstanden auf Initiative Wilhelm von Freedens der Nautische Verein zu Deutschland und der Nautische Verein Hamburg. Bereits 1867 war von Freeden an der Gründung des Germanischen Lloyds in Hamburg beteiligt. 1869 deckte der Hamburger Senat einen Fehlbetrag der Norddeutschen Seewarte. Gustav Heinrich Kirchenpauer setzte sich im gleichen Jahr erfolgreich dafür ein, dass der Bund zukünftig im Bundesbudgetgesetz planmäßig einen Betrag zur Unterstützung der Institution einstellte.

Seewarte wird Reichsanstalt
Kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches benannte von Freeden die „Norddeutsche Seewarte“ in „Deutsche Seewarte“ um. Diesen Namen behielt die Einrichtung auch bei, als sie 1875 eine Reichsanstalt und dem Reichs-Marine-Amt der Kaiserlichen Admiralität unterstellt wurde. Von Freeden verkaufte die gesamte Einrichtung, Schiffstagebücher, Segelanweisungen und Arbeitsunterlagen an das Deutsche Reich, nachdem Georg von Neumayer zum ersten Direktor der Deutschen Seewarte berufen worden war.

Aufgaben und Anerkennung nehmen zu
Unter von Neumayers 27-jähriger Ägide nahmen Aufgaben und Anerkennung der Deutschen Seewarte sowohl im nationalen als auch im internationalen Umfeld signifikant zu. Zur Förderung der Seefahrt wurden u. a. meeresphysikalische, maritim-meteorologische und erdmagnetische Beobachtungen durchgeführt, nautische Instrumente geprüft, Segelhand-bücher herausgegeben. Die Sammlung von hydrographischen und nautischen Schriften legte den Grundstein für die heute einzigartige Bibliothek des BSH. Für den Sturmwarndienst wurden an der Küste und im Binnenland meteorologische Beobachtungsstellen eingerichtet, Beobachtungen durchgeführt, telegrafisch weitergegeben und Informationen zu gefährlichen Wetteränderungen herausgegeben. Ab dem 16. Februar 1876 veröffentlichte die Deutsche Seewarte tägliche Wetterkarten. Sichtbares Zeichen dieses Aufschwungs war der stattliche Neubau oberhalb der Landungsbrücken, der 1881 bezogen wurde und der bis zu seiner Zerstörung 1945 der Sitz der Deutschen Seewarte blieb. So wurde die Seewarte „die deutsche Zentralstelle für Meteorologie“, die Ende des 19. Jahrhunderts zur Drehscheibe des ersten internationalen Datenaustausches von meteorologischen Beobachtungen wurde.

Das Aufgabenspektrum wurde beispielsweise um Polarforschung, Ozeanographie, Meereskunde, Gezeitendienst und Windstau- und Sturmflutwarndienst erweitert. Eine wesentliche Rolle spielte die Seewarte bei der Begründung der Meeresforschung in Deutschland. Namhafte Wissenschaftler trieben an der Deutschen Seewarte die Forschung auf den Gebieten der Nautik, Hydrographie und Meteorologie voran. Zu ihnen gehörten u. a. Wladimir Köppen, Alfred und Kurt Wegener oder Christian Koldewey. So wurde beispielsweise 1903 in Groß Borstel eine Drachenstation eingerichtet, um meteorologische Werte in verschiedenen Höhen der freien Atmosphäre zu gewinnen.

Aufgaben werden aufgeteilt
Das Reichsverkehrsministerium fungierte ab 1919 für die Deutsche Seewarte als oberster Dienstherr. 1935 dann die erste Teilung: Der Wetterdienst wurde dem Reichsluftfahrtministerium unterstellt, während Nautik und Hydrographie der Marine untergeordnet wurden. Die nächste Zäsur folgte1945/1946 mit der Gründung des „Deutschen Hydrographischen Instituts“ (DHI, erstes und einziges Viermächte-Institut mit zonenübergreifenden Aufgaben) und des „Meteorologischen Amts für Nordwestdeutschland“ (MANWD) durch die britische Besatzungsmacht. 1948 zog das DHI in das ehemalige Seemannshaus, im Jahr zuvor war dem MANWD die benachbarte Navigationsschule zugewiesen worden. In der sowjetischen Besatzungszone entstanden der Meteorologische Dienst (MD) sowie der Seehydrographische Dienst (SHD).

Die Geschichte bis 2018 ist schnell erzählt: 1990 verschmolzen zunächst DHI und das Bundesamt für Schiffsvermessung (BAS) zum BSH. Im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gingen Aufgaben vormaliger DDR-Institutionen (im Wesentlichen des SHD), die dem BSH-Portfolio vergleichbar waren, an das BSH über. Der am 11. November 1952 gegründete Deutsche Wetterdienst (DWD) umfasste die drei Landeswetterdienste der französischen Zone sowie die beiden Zonendienste MANWD und Deutscher Wetterdienst in der US-Zone. Der MD wurde 1990 in den DWD integriert.

Gesetzliche Aufgaben des BSH
Zu den Aufgaben des BSH gehören Umweltschutz im Seeverkehr (MARPOL, Ölhaftung, Ballastwasserübereinkommen, Ölidentifizierung), Sicherheit der Seeschifffahrt und Gefahrenabwehr, Seevermessung und Wracksuche, nautische Informationssysteme, Dienstleistungen für die Seeschifffahrt (Flaggenscheine, Befähigungsnachweise für Seeleute, Schifffahrtsförderung), Warndienste (Wasserstands- und Gezeitenvorhersage, Sturmflutwarndienst, Eisdienst), Überwachung des Meeres (im Hinblick auf Klimawandel und Umweltveränderungen), Maritimes Geodatenzentrum, Raumordnung in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), Genehmigungsverfahren für Offshore-Windparks und Pipelines. Das BSH ist nicht nur national in Bundes- und Ländergremien vertreten, sondern arbeitet auch mit mehr als 20 internationalen Organisationen zusammen

Gesetzliche Aufgaben des DWD
Die gesetzlichen Aufgaben des DWD umfassen heute Wettervorhersage, Herausgabe von amtlichen Warnungen vor gefährlichen Wetterereignissen, meteorologische Sicherung der Luft- und Seefahrt, der Verkehrswege sowie wichtiger Infrastrukturen insbesondere Energieversorgung und Kommunikationssysteme, Klimaüberwachung, Analyse und Projektion des Klimawandels und dessen Auswirkung, Klima- und Umweltberatung, internationale Zusammenarbeit, Gewinnung, Management und Bereitstellung von meteorologischen und klimatologischen Geodaten und Dienstleistungen, die Überwachung der Atmosphäre auf radioaktive Stoffe und deren Verfrachtung sowie den Betrieb der erforderlichen Mess- und Beobachtungssysteme.

Enge Verknüpfung
Bis heute sind die beiden Einrichtungen BSH und DWD in Hamburg nicht nur direkte Nachbarn, sondern auch bei der Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben eng verknüpft.

Doch nicht die Vergangenheit allein soll beim Jubiläum 2018 im Mittelpunkt stehen. Wohin entwickeln sich die hydrographischen und meteorologischen Dienste des BSH und des DWD? Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung in einer global vernetzten Welt und in Zeiten des Klimawandels? Welche Rolle wird der Mensch bei den Themen Wasser, Wetter und Klima einnehmen? Dies sind Beispiele für Fragen zur Zukunft, mit denen sich BSH und DWD bei zahlreichen Veranstaltungen rund um das Jubiläum beschäftigen. Die Zeitreise wird daher 2018 nicht enden.

Weitere Informationen zum Jubiläum: www.bmvi.de/seewarte
Weitere Informationen zum DWD: www.dwd.de
Weitere Informationen zum BSH: www.bsh.de

Kontakt:
Deutscher Wetterdienst: pressestelle@dwd.de
Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie: presse@bsh.de
Jubiläum: jubilaeum2018@dwd.de, jubilaeum2018@bsh.de

Wilhelm von Freeden

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Wilhelm Ihno Adolf von Freeden wurde am 12. Mai 1822 als Sohn eines Kapitäns geboren. Er studierte in Bonn und Göttingen Mathematik, Naturwissenschaften und neuere Sprachen. Er war von 1845 bis 1856 Gymnasiallehrer in Jever und kam 1856 nach Elsfleth. Hier wurde er zunächst erster Lehrer und Ende 1860 Rektor der staatlichen Großherzoglich Oldenburgischen Navigationsschule. Sein Vater starb 1865, sein Schwiegervater 1866. Durch die Erbschaften erlangte von Freeden finanzielle Unabhängigkeit. Nach 22 Jahren im Staatsdienst bat er 1867 um seine Entlassung. Sein Ansinnen war es, zukünftig öffentlich und politisch für die Belange der Seefahrt einzutreten. Im selben Jahr war von Freeden an der Gründung des „Germanischen Lloyd“ beteiligt.

Am 1. Januar 1868 gründete von Freeden mit der Unterstützung der beiden Handelskammern Bremen und Hamburg sowie 28 Reedern die „Norddeutsche Seewarte“ als Privatinstitut in Hamburg. Mit der Errichtung der Norddeutschen Seewarte, deren Ziel es war, die Seeschifffahrt sicherer zu machen und die Reisewege abzukürzen, folgte von Freeden der bahnbrechenden Idee des Marine-Leutnants Matthew Fontaine Maury und den Beschlüssen der von ihm initiierten Brüsseler Konferenz von 1853. Er gab so genannte Journale (Schiffstagebücher) aus, in die die Schiffsbesatzungen auf ihren Reisen alle vier Stunden nach einem bestimmten Schema ihre Wetterbeobachtungen eintrugen und die sie nach der Reise wieder der Seewarte zurückbrachten. Sie dienten der Verbesserung der Kenntnisse über die Seegebiete und flossen in Segelanweisungen für die Schiffsreisen ein. Von Freeden schaffte meteorologische Instrumente an, um die auf den Schiffen verwendeten Instrumente daran anzueichen und errichtete 1870 eine meteorologische Station vor der Seewarte.

1868 bildeten sich auf von Freedens Bestreben hin der Nautische Verein zu Hamburg und der Deutsche Nautische Verein. Die Nautischen Vereine erlangten zu dieser Zeit große Bedeutung, zumal die deutsche Handelsflotte in den 1860er-Jahren nach der amerikanischen und britischen die drittgrößte Tonnage aufwies. Mit der deutschen Reichsgründung entstanden zahllose Aufgaben im Seewesen, für die die Nautischen Vereine wirkten. Von Freeden wurde 1870 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Hansa“, die diese Bestrebungen publizierte.

Seit 1871 gelang es ihm, als nationalliberaler Reichstagsabgeordneter und Mitglied in verschiedenen Reichstags-Kommissionen die seerechtliche Gesetzgebung maßgeblich zu beeinflussen.

Von Freeden war nie zur See gefahren, zeigte sich aber durch sein „Handbuch der Nautik“ (1864) als Kenner der Materie. Auch befasste er sich seit vielen Jahren mit meteorologischen Beobachtungen. Durch seine Tätigkeit an der Navigationsschule kannte er die Bedürfnisse der Seefahrt und brachte so beste Voraussetzungen für die Leitung seiner Seewarte mit. In den sieben Jahren, der er ihr vorstand, erteilte die Seewarte 850 Segelanweisungen, fast alle eigenhändig von ihm verfasst. Er schrieb sie in echter Seemannssprache nieder und bezog die Eigenheiten des Schiffes sowie die Erfahrung des Kapitäns mit ein. Der Zeitgewinn der von ihm beratenen Schiffe lag auf der Ausreise bei 7,1 Tagen, auf der Heimreise bei 4 Tagen gegenüber anderen Seglern.

Zwei Arbeiten, die als „Mittheilungen aus der Norddeutschen Seewarte“ erschienen, beruhten auf seiner Elsflether Zeit: Der „Nordwestdeutsche Wetterkalender“, ein klimatologisches Werk auf der Basis der Beobachtungen an der Station Elsfleth, und seine Abhandlung „Über die wissenschaftlichen Ergebnisse der ersten deutschen Nordpolfahrt von 1868“. 1870 veröffentlichte er eine Studie über die Dampferwege des Nordatlantischen Ozeans, die die schon zurückerhaltenen Schiffstagebücher verwertete und Windkarten sowie von ihm entwickelte Windrosen enthielt. Bis Ende 1874 gingen insgesamt 1193 Journale bei der Seewarte ein.

1871 zog Georg von Neumayer nach Hamburg und verfasste gemeinsam mit von Freeden eine Denkschrift, die den Reichstag bewegen sollte, die Seewarte in eine Einrichtung des Deutschen Reiches umzuwandeln. Dieser Versuch war jedoch noch nicht von Erfolg gekrönt. Neumayer wechselte seinerseits daraufhin nach Berlin und suchte Kontakt zu einflussreichen Persönlichkeiten, u. a. mit dem Chef der Admiralität, Generalleutnant von Stosch, mit dem sich von Freeden durch eine veröffentlichte Kritik überworfen hatte. Ein Brief von von Freeden an Neumayer im November 1871 deutete erstmals Uneinigkeit zwischen beiden an, im Jahr darauf kam es zum Bruch.

Neumayer wurde am 1. Juli 1872 als „Hydrograph der Admiralität“ eingestellt, während von Freeden weiterhin die Seewarte in Hamburg leitete. Am 11. Mai 1874 brachte der Reichskanzler Otto von Bismarck den Gesetzentwurf zu einer „Centralstelle für Meereskunde und Sturmwarnung“ in den Bundesrat ein (Bundesdrucksachen 1873 Nr. 195, 1874 Nr. 38). Auf Hamburgischen Wunsch wurde der Name in Deutsche Seewarte geändert. Am 18. Dezember 1874 wurde der Entwurf schließlich im Reichstag verabschiedet und am 9. Januar 1875 zum Reichsgesetz erhoben. Das Reichsinstitut Deutsche Seewarte wurde im Ressort der Admiralität angesiedelt, zum kommissarischen Leiter wurde der Hydrograph der Admiralität, Georg von Neumayer, bestellt. Die bestehende Seewarte ging als Abteilung „Seefahrt“ in die Reichsanstalt ein. Von Freeden schlug den ihm angebotenen Posten des Abteilungsleiters aus und trat zurück. Gegen eine Summe von 21.000 Mark überließ er dem Reich Inventar und Dokumente und zog 1875 nach Bonn. Auch hier blieb er der Seefahrt verbunden, indem er die Schifffahrtszeitschrift „Hansa“ bis 1891 allein herausgab und redigierte. Am 11. November 1894 starb von Freeden im Alter von 72 Jahren in Bonn.

Literatur

  • Walter Horn: Wilhelm von Freeden - Zur Eröffnung der Norddeutschen Seewarte vor 100 Jahren. Als Manuskript gedruckt; Deutsches Hydrographisches Institut, Hamburg 1968
  • Günter Heise: Wilhelm von Freeden und die Norddeutsche Seewarte. Aus: Schifffahrt und Meer, 125 Jahre maritime Dienste in Deutschland, Hamburg 1993
  • Dr. Peter Ehlers: Die Geschichte maritimer Dienste in Deutschland – Das BSH und seine Vorgänger (Vortrag bei der Deutschen Gesellschaft für Schifffahrts- und Marinegeschichte e.V., Hamburg, 22. April 1999)
  • Prof. Dr. Peter Thran: Die Entwicklung der maritimen und allgemeiner Meteorologie im Bereich der 1868 gegründeten Norddeutschen und später Deutschen Seewarte (Vortrag zum 100-jährigen Jubiläum der Norddeutschen Seewarte, 25. März 1968)

Georg von Neumayer

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Als Sohn des königlichen Notars und Bürgermeisters wurde Georg Balthasar Neumayer am 21. Juni 1826 in Kirchheimbolanden, damals zum Königreich Bayern gehörend, geboren. 1845 schloss er seine 13-jährige Schulausbildung am Lyzeum in Speyer erfolgreich ab und begann sein Studium der Ingenieurswissenschaften am Polytechnikum München, das er vier Jahre später mit dem Staatsexamen absolvierte.

An der königlichen Sternwarte Bogenhausen beschäftigte sich Neumayer erstmals mit Erdmagnetismus. Sein Interesse für die Seefahrt weckten die Schriften des Nationalökonomen Friedrich List im Revolutionsjahr 1848. List gilt als Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre und hatte 1819 den deutschen Zollverein gegründet. Immer wieder forderte er von der Politik den Ausbau Deutschlands zur Seemacht.

Im Alter von 24 Jahren heuerte Neumayer als Matrose an und machte sein Schifferexamen. Seine zweite Seereise führte ihn 1852 nach Australien. Als er zwei Jahre später nach Europa zurückkehrte, hatte er den festen Plan, sich Mittel für die Gründung eines Observatoriums in Melbourne zu beschaffen. Es dauerte wieder nur zwei Jahre, bis er eine freie Passage auf einem Schiff der Hamburger Reederei Godelfroy nach Australien bekam. Mit an Bord: moderne Instrumente, die er durch die finanzielle Unterstützung des bayerischen Königs Maximilian II, des hamburgischen Senats und der Deputation für Handel und Seefahrt erworben hatte. In Melbourne angekommen machte er sich gleich an den Aufbau eines Observatoriums, das magnetisch-meteorologische Beobachtungen durchführen, nautische Meteorologie nach dem Vorbild Matthew Fontaine Maurys pflegen und als Stützpunkt für die geophysikalische Erforschung der Antarktis dienen sollte. Sieben Jahre leitete er das Observatorium und erhielt hohe Anerkennungen für seine Leistung – dennoch zog es ihn wieder nach Deutschland zurück, wo er im Sommer 1865 in Frankfurt am Main auf der Geographen-Versammlung vorschlug, eine deutsche Zentralstelle für Hydrographie und maritime Meteorologie zu gründen. Otto Volger, genannt Senckenberg, prägte zu dieser Zeit schon den Begriff „Deutsche Seewarte“ – doch bis zur Gründung des Reichsinstituts, zu dessen erstem Direktor Neumayer 1876 bestellt wurde, dauerte es noch zehn Jahre.

Diese Zeit nutzte Georg Neumayer. So schmiedete er mit dem Meteorologen Heinrich Dove den Plan für eine deutsche meteorologische Zentralstation oder wertete in seiner pfälzischen Heimat Ergebnisse seiner australischen Forschung aus. Gemeinsam mit dem Gründer der Norddeutschen Seewarte, Wilhelm von Freeden, arbeitete Neumayer im Jahr der deutschen Reichsgründung den Plan einer Reichs-Seewarte aus, der jedoch nicht umgesetzt wurde. Neumayer ging nach Berlin, um für sein Anliegen zu werben. In der Hauptstadt lernte er General Albrecht von Stosch kennen, der ihn kurze Zeit später zum „Hydrograph der Admiralität“ ernannte. In diese Jahre fällt auch die erste deutsche Weltumseglung mit dem Schiff „Gazelle“, die Neumayer organisierte.

1875 übernahm das Deutsche Reich schließlich die von Wilhelm von Freeden begründete Norddeutsche Seewarte, die nun „Deutsche Seewarte“ hieß. Nach dem Rückzug von Freedens forcierte der zum Direktor ernannte Neumayer die Aktivitäten der Seewarte. Während die maritime Meteorologie durch die Vorarbeiten von Freedens auf einem guten Weg war, baute Neumayer das Gebiet der Instrumententechnik und der Landmeteorologie auf und deutlich aus. Aufgaben und Ruf der Seewarte nahmen unter Neumayers 27-jähriger Ägide sowohl im nationalen als auch im internationalen Umfeld signifikant zu. Zur Förderung der Seefahrt wurden u. a. meeresphysikalische, maritim-meteorologische und erdmagnetische Beobachtungen durchgeführt, nautische Instrumente geprüft, Segelhandbücher herausgegeben. Die Sammlung von hydrographischen und nautischen Schriften legte den Grundstein für die heute einzigartige Bibliothek des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Für den Sturmwarndienst wurden an der Küste und im Binnenland meteorologische Beobachtungsstellen eingerichtet, Beobachtungen durchgeführt, telegrafisch weitergegeben und Informationen zu gefährlichen Wetteränderungen herausgegeben. Ab dem 16. Februar 1876 veröffentlichte die Deutsche Seewarte tägliche Wetterkarten. Sichtbares Zeichen dieses Aufschwungs war der stattliche Neubau oberhalb der Landungsbrücken, der 1881 im Beisein von Kaiser Wilhelm I eingeweiht wurde. Die Seewarte wurde „die deutsche Zentralstelle für Meteorologie“, die Ende des 19. Jahrhunderts zur ersten deutschen Drehscheibe des ersten internationalen Datenaustausches von meteorologischen Beobachtungen avancierte. Neumayer wurde 1883 zum ersten Vorsitzenden der neu gegründeten Deutschen Meteorologischen Gesellschaft gewählt. Er war 77 Jahre alt, als er zum 30. Juni 1903 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Der Hamburger Senat veranstaltete für ihn ein Abschiedsessen mit Empfang im Festsaal des Hamburger Rathauses – diese Ehre erhielten nur wenige Reichsbeamte. Der bayerische Prinzregent verlieh ihm den Adelstitel.

Als Georg von Neumayer kehrte er in seine pfälzische Heimat zurück, wo er unermüdlich weiter arbeitete. Er publizierte zu den Ergebnissen seiner Pendelbeobachtungen in Australien oder zur erdmagnetischen Vermessung der Rheinpfalz. Nach dem Tod seiner Schwester, die ihm auch den Haushalt geführt hatte, im Winter 1908/09 starb Georg von Neumayer fast 83-jährig am 25. Mai 1909 in Neustadt an der Weinstraße.

Mit Georg von Neumayer untrennbar verbunden ist die deutsche Polarforschung. Schon 1871 hatte er auf dem ersten Internationalen Geographenkongress für eine Wiederbelebung der Antarktisforschung plädiert. 1879 tagte die Internationale Polarkommission in Hamburg. 1896 hielt Neumayer in London einen Vortrag zur Südpolarforschung. Die Internationalen Antarktisjahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts krönten schließlich Neumayers Bemühungen: Vier internationale Expeditionen aus England, Schottland, Schweden und Deutschland steuerten gleichzeitig den antarktischen Kontinent an.

Wladimir Köppen, den Neumayer schon 1876 nach Hamburg geholt und ihn kurz danach zum „Meteorologen der Deutschen Seewarte“ ernannt hatte, schrieb über seinen Förderer: „Denn er [Neumayer, Anm. d. Red.] gehörte weniger zu jenen Gelehrten, die in der Stille der Studierstube Gesetze finden oder im Laboratorium durch Experimente und Beobachtung neue Tatsachen suchen, als zu jenen, die nach großen Gesichtspunkten die wissenschaftliche Arbeit organisieren und durch ihre Schöpfungen sich einen dauernden Platz in der Geschichte der Wissenschaft sichern.“ (Wladimir Köppen, Georg von Neumayer. Ein Lebensbild. In: Pfälzisches Museum, 43. Jg. 1926, S.108-111, hier S. 108) Deutschland setzte dem ersten Direktor der Deutschen Seewarte mit der Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis ein solches Denkmal.

Literatur

  • Günter Heise: Wilhelm von Freeden und die Norddeutsche Seewarte
  • Dr. Peter Ehlers: Die Geschichte maritimer Dienste in Deutschland – Das BSH und seine Vorgänger (Vortrag bei der Deutschen Gesellschaft für Schifffahrts- und Marinegeschichte e.V., Hamburg, 22. April 1999)
  • Prof. Dr. Peter Thran: Die Entwicklung der maritimen und allgemeiner Meteorologie im Bereich der 1868 gegründeten Norddeutschen und später Deutschen Seewarte; 25. März 1968
  • Wladimir Köppen, Georg von Neumayer. Ein Lebensbild. In: Pfälzisches Museum, 43. Jg. 1926, S.108-111
  • K.H. Wiederkehr: Georg von Neumayer (1826-1909), die Deutsche Seewarte in Hamburg und die Erforschung der Antarktis. Vortrag 45. Jahrestagung der Deutschen Geophysikalischen Gesellschaft in München, März 1985

Meteorologische Journale im Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes in Hamburg

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Jeden Tag werden auf den Weltmeeren von vielen hundert Schiffen maritime Wetterbeobachtungen durchgeführt und weltweit an die Wetterdienste verteilt, womit sie wichtige Daten für die Wettervorhersage und Klimatologie liefern. Die Wetterbeobachtung auf See hat eine lange Tradition, die bis weit in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Viele der historischen Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind bis heute erhalten. So befinden sich im Archiv des Seewetteramtes des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Hamburg rund 37 000 so genannte meteorologische Journale aus den Beständen der Deutschen Seewarte. Sie beinhalten schätzungsweise 23 Millionen Wetterbeobachtungsdaten von allen Weltmeeren aus den Jahren 1826 - 1940. Für die Meteorologie und Klimatologie stellen diese Informationen eine außerordentlich wichtige Datenquelle dar. Noch heute werden Daten aus den alten Aufzeichnungen digitalisiert, um sie für die Klimaforschung nutzbar zu machen. Die Digitalisierung der historischen Aufzeichnungen wird im Rahmen der „Data Rescue projects and initiatives“ (DARE) der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) durchgeführt und die Daten werden für die Wissenschaft bereitgestellt.

Der Beginn der meteorologischen Journale

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Schon früh erkannte der US-amerikanische Marineleutnant und Ozeanograph Mathew Fountaine Maury (1806-1873) die Bedeutung der maritimen meteorologischen Beobachtungen und Aufzeichnungen, die damals in Schiffstagebüchern festgehalten wurden. Ab 1842 begann er, mit diesen Informationen wissenschaftlich zu arbeiten, und gab erste Windkarten und Karten mit Meeresströmungen heraus. Er entwarf ein erstes genormtes spezielles meteorologisches Journal („Abstract Log“), welches über einen neu geschaffenen Hafendienst an Schiffe abgegeben und wieder eingesammelt wurde.

Bereits Anfang der 1850er Jahre konnte Maury auf Basis der zurückgegebenen Aufzeichnungen Segelanweisungen erstellen, die teilweise eine deutliche Verkürzung der Reisezeiten für Handelsschiffe ermöglichten. Des Weiteren wurden sogenannte „Whale Charts“ für die Walfangflotte erstellt. Die Walfänger waren zugleich ein wichtiger Datenlieferant.

1853 fand in Brüssel auf Initiative Maurys eine internationale Tagung statt, auf der sich zehn Seemächte zur „Vereinheitlichung der Wetterbeobachtung auf See“ verpflichteten. Preußen, Hamburg und Bremen traten zwei Jahre später der Konvention bei, die vorsah, vierstündliche Beobachtungen auf See in vorgeschriebenen Journalen auszuführen. Da dort jedoch keine eigene Zentralstelle für die Annahme und Ausgabe der Bücher existierte, wurden die Journale nach Washington gesandt und ausgewertet.

Dies änderte sich mit der Gründung der Norddeutschen Seewarte durch Wilhelm Ihno von Freeden zum 1. Januar 1868. Unterstützt von den Handelskammern Bremen und Hamburg sowie 28 Reedern hatte das zunächst private Institut das Ziel, die Seeschifffahrt sicherer zu machen und die Reisezeiten zu verkürzen. Die Norddeutsche Seewarte rüstete die Schiffe nicht nur mit geeichten Messinstrumenten aus, sondern händigte den Kapitänen auch von der Seewarte weiterentwickelte meteorologische Journale aus.

Darin sollte die Besatzung alle vier Stunden, angepasst an den Wachwechsel an Bord, die maritim-meteorologische Beobachtungen eintragen. Neben den Angaben von Jahr, Monat, Tag, geografische Länge und Breite sowie einigen nautischen Angaben, wurden Wind, Luftdruck, Temperatur der Luft und des Wassers, Wolken, Bedeckungsgrad, Wetterverlauf und der Zustand der Meeresoberfläche erfasst. Die Auswertung der Daten erfolgte damals durch Überschreibung der Daten auf sogenannte Zählkarten, auf denen die Beobachtungsergebnisse in 5° Felder, später in 1° Felder, räumlich aufgegliedert wurden. Daraus wurden erste Karten mit monatlichen Mittelwerten des Windes und Häufigkeiten von Windstärken, Wetter und Eis entlang des Schiffsweges nach New York erstellt.

Auf Basis der systematischen Auswertung der Beobachtungen aus den Journalen und in engem Austausch mit den Schiffsführungen wurden Segelanweisungen erstellt, welche die Schiffsführungen als Gegenleistung für ihre Beobachtungsdienste erhielten. So konnte von Freeden erreichen, dass sich die Reisezeit der von ihm beratenen Schiffe bei der Ausfahrt um 7,1 und bei der Heimreise um 4,0 Tage verkürzte.

Deutsche Seewarte

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Kurz nach der Reichsgründung 1871 erreichte von Freeden eine staatliche Unterstützung für sein Institut, das nun Deutsche Seewarte genannt wurde. Im Jahr 1873 begann die Ausgabe von monatlichen Wind-, Wärme- und Strömungskarten des Atlantiks.

Den Namen Deutsche Seewarte behielt das Institut auch bei, als es 1875 zu einer Einrichtung des Reiches und Georg von Neumayer sein erster Direktor wurde. Eine der ersten Publikationen unter Neumayer war die „Instruktion zur Führung des Meteorologischen Journals der Deutschen Seewarte“, die überarbeitete und erweiterte Regeln für die maritime Wetterbeobachtung enthielt. Sie umfasste auch zahlreiche Umrechnungstabellen, sowie Darstellungen, in denen die Geräte und ihre Handhabung beschrieben wurden.

Zur genaueren Bestimmung der Meeresströmungen gab die Deutsche Seewarte den Schiffsführungen Vordrucke für Flaschenposten mit, die auf vorher bestimmten Positionen über Bord geworfen werden sollten. Der Finder der Flaschenpost wurde gebeten, den Brief mit Fundort und Datum an die Seewarte zurückzuschicken, um den Weg der Flasche nachvollziehen zu können.

Zu den vielfältigen weiteren Aufgaben der Seewarte gehörte ein Sturmwarndienst mit Signalstationen entlang der deutschen Küsten.

Mit dem Rückgang der Handelsschifffahrt unter Segeln wurden die Beobachtungen auf See zunehmend auf Dampfern ausgeführt. Bis zum Anfang des zweiten Weltkrieges erhielt die Seewarte etwa 37 000 Journale von Seglern und Dampfern zurück und konnte so die Auswertungen immer weiter verbessern.

In der Nacht vom 8. auf den 9. April 1945 wurde das Gebäude der Deutschen Seewarte auf dem Stintfang am Hamburger Hafen durch einen Bombentreffer zerstört. Glücklicherweise waren die Schiffstagebücher kurz zuvor ausgelagert und so vor der Zerstörung bewahrt worden. Die meteorologischen Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm in Hamburg zunächst das in der britischen Zone eingerichtete „Meteorologische Amt für Nordwestdeutschland“ (MANWD), das zum 1. Januar 1953 als Seewetteramt in den neu gegründeten Deutschen Wetterdienst integriert wurde. Seit 1947 hat das Seewetteramt in der ehemaligen Navigationsschule seinen Sitz. Die an verschiedenen Orten ausgelagerten meteorologischen Journale kehrten 1972 in das Archiv des Deutschen Wetterdienstes im Seewetteramt zurück. Das heute zum maritimen Datenzentrum des DWD gehörende historische Archiv umfasst neben den 37 000 meteorologischen Journalen, die von der Seewarte ausgegeben wurden, auch noch eine Reihe weiterer Journale, beispielsweise von der kaiserlichen Marine.

Auswertung der Daten mit modernen Methoden

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Um die Datensätze in ihrer Gesamtheit der maschinellen Datenverarbeitung und statistischen Auswertung zuführen zu können, begann man 1940 das Hollerith-System einzuführen. Man hatte bereits viele Daten von Hand auf sogenannten Belegbögen kodiert und übertrug diese nun zur Datenverarbeitung auf Lochkarten. Dies waren die ersten Schritte, die Daten mit geeigneten Rechenmaschinen zu erfassen, auszuwerten und zu archivieren. Diese Aufgabe wurde schon damals als sehr wichtig erkannt und wurde bis kurz vor Kriegsende wahrgenommen.

In der Nachkriegszeit wurden diese Arbeiten fortgeführt. Bis 1967 wurden knapp 16 Millionen Wetterbeobachtungen von ozeanischen Gebieten abgelocht. Während dieser Zeit kamen auch wieder neue Beobachtungen von Schiffen hinzu.
Der Schwerpunkt der klimatologischen Auswertung lag beim DWD auf den Seegebieten des Nord- und Südatlantiks. Seit den 1960er Jahren wurden diese statistischen Beschreibungen des Klimas auf den Weltmeeren auch in Form von sogenannten „Marine Climatological Summaries“, international ausgetauscht, wobei der DWD die Verantwortung für die Klimatologie des Südatlantiks hatte.

Die auf den Lochkarten gespeicherten Daten wurden im Laufe der Zeit zum großen Teil auf Magnetbänder übertragen. Später wurde sie weiter gesichert, so dass sie auch heute noch erhalten sind und einen wichtigen Teil des historischen Datenbestandes des DWD darstellen, der inzwischen mit Hilfe von modernen computergestützten Datenbanken ausgewertet wird.

Im Zuge neuer Möglichkeiten im Bereich der Datenauswertung und dem Bedarf der Klimaforschung nach langen Zeitreihen wurde erkannt, wie wichtig die komplette Erfassung der Daten aus den meteorologischen Journalen ist. Daher wird die Digitalisierung mit den modernen Methoden der Datenerfassung fortgeführt, bis alle Journale ausgewertet sind. Bei der Auswertung der Journale spielt jedoch auch der Zeitfaktor eine wichtige Rolle, weil die meteorologischen Journale dem physischen Verfall ausgesetzt sind und bei einer Nichterfassung einmaliges Menschheitswissen unwiederbringlich verloren geht. Daher wird zur optischen Sicherung der Originalaufzeichnungen jede einzelne Seite eines Journals mit hoher Auflösung eingescannt und digital archiviert.

Neben der digitalen Erfassung der restlichen Beobachtungen werden heute aber auch die Metadaten aller Tagebücher, z. B. Informationen zum Schiff, zur jeweiligen Reise sowie zur Art und Eichung der Instrumentierung, in Datenbanken eingetragen. Dies erlaubt eine erweiterte Recherche in den Daten, sowie eine bessere Qualitätsprüfung der Daten hinsichtlich möglicher Fehler bei der Digitalisierung oder auch der Messung selbst. Zusätzlich zu den Wetteraufzeichnungen finden sich in den Journalen der Segler gelegentlich Notizen über außergewöhnliche Ereignisse, wie besondere Wettererscheinungen, Vulkanausbrüche, Seebeben, Sichtung von Walen und Delphinen oder auch astronomische Himmelsphänomene. Diese Beobachtungen werden zusammen mit den Metadaten zu den Schiffen erfasst und können für wissenschaftliche Auswertungen historischer Ereignisse, wie Kometensichtungen und Vulkanausbrüchen wichtige Beiträge liefern.

Internationaler Austausch von maritimen Klimadaten

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Der internationale Austausch von maritimen Beobachtungsdaten und Auswertungen hat eine lange Tradition. Schon 1869 kam es zu einer Zusammenarbeit mit den USA, Holland und, in kleinerem Umfang, England, um die Bearbeitung von Wetterbeobachtungen auf den Weltmeeren untereinander aufzuteilen. 1878 erfolgten Absprachen mit dem Königlichen Niederländischen Meteorologischen Institut (KNMI) über den Austausch von Beobachtungen und die gemeinsame Erstellung von Karten des Atlantiks. Diese Kooperationen gelten als Vorläufer für die oben genannten Marine Climatological Summaries.

Die heute im Rahmen der Digitalisierung gewonnenen historischen Beobachtungsdaten werden ebenfalls weltweit ausgetauscht und tragen entscheidend zur Verbesserung von Klimarekonstruktionen und Re-Analysen des Wettergeschehens bei. So können beispielsweise Klimamodelle verifiziert werden, oder genaue Statistiken über vergangene Wetter- und Klimaphänomene erstellt werden. Die vollständige Erfassung der Archive ist daher ein wichtiger Beitrag zur Klimaforschung. Denn gerade über den Weltmeeren, die zwei Drittel unseres Planeten bedecken, sind Wetterbeobachtungen aus der Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhundert rar. Satelliten, Flugzeuge oder andere automatische Systeme gab es zu dieser Zeit nicht. Und somit bilden die meteorologischen Journale eine wichtige und verlässliche Datenquelle für die Ozeane.

Um eine möglichst umfassende Datenbasis für die Klimaforschung bereitstellen zu können, erfolgt ein internationaler Austausch der Daten, z. B. mit dem „International Comprehensive Ocean-Atmosphere Data Set“ (ICOADS), in dem alle weltweit verfügbaren maritim-meteorologischen Observationen zusammengetragen werden.

Im Mai 2017 startete die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) das Projekt International Data Rescue Initiative (I-DARE) zur Rettung historischer Wetterdaten. Der DWD seinerseits setzt die inhaltliche Auswertung und digitale Archivierung unvermindert fort und wird mit seinen Daten zu diesem Projekt beitragen.

Beobachtungen auf See heute

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Das von Maury eingeführte und von der Seewarte weiterentwickelte System zur systematischen Beobachtung des Wetters auf See, hat im Prinzip bis heute Bestand. Auch wenn die Messmethoden und die Datenübertragung sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt haben, melden aktuell mehr als 450 vom DWD ausgerüstete Schiffe regelmäßig das Wetter auf See.

Dank computergestützter Aufnahme und Satellitenübertragung werden die Daten in Sekundenschnelle weltweit an die Wetterdienste übermittelt und gehen direkt in die Wettervorsagemodelle ein.

Auch wenn einige Schiffe inzwischen vollautomatische Messsysteme an Bord haben, wird ein nicht unerheblicher Teil der Beobachtungen weiterhin von den Mannschaften auf den Schiffen selbst durchgeführt. Das ermöglicht die Meldung weiterer Parameter, wie Wolkenbedeckung, Wellengang und Sichtweite, die auf See nur schwer oder auch gar nicht automatisch zu messen sind.

Aktuell gehen im maritimen Datenzentrum des DWD pro Monat mehr als eine Million maritim-meteorologische Meldungen von Schiffen und Bojen ein. Diese Daten werden qualitätsgeprüft und für vielfältige klimatologische Anwendungen wie die operationelle Klimaüberwachung, Erstellung von Gutachten und unterschiedlichste wissenschaftliche Analysen genutzt.

Beginnend mit den Aufzeichnungen aus den historischen meteorologischen Journalen verfügt der DWD heute über ein Datenarchiv von mehr als 150 Jahren maritimen Beobachtungsdaten!

WissenswertesMetJournale1
Archiv mit den Meteorologischen Journalen im Seewetteramt des Deutschen Wetterdiensts in Hamburg

Quelle: DWD

WissenswertesMetJournale2
Archiv mit den Meteorologischen Journalen im Seewetteramt des Deutschen Wetterdiensts in Hamburg

Quelle: DWD

WissenswertesMetJournale3
Ausschnitte aus einem Meteorologischen Journal der Viermastbark PEKING von ihrer Jungfernfahrt im Jahr 1911 von Hamburg nach Valparaíso

Quelle: DWD

WissenswertesMetJournale4
Ausschnitte aus einem Meteorologischen Journal der Viermastbark PEKING von ihrer Jungfernfahrt im Jahr 1911 von Hamburg nach Valparaíso

Quelle: DWD