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Infografik zum Thema Silver Biker

Quelle: BMVI

200 Jahre ist das Fahrrad jetzt alt und noch immer ein Verkaufsschlager. Besonders der E-Markt boomt. Ältere Bürger trauen dem Elektroantrieb jedoch nicht, wie eine aktuelle Erhebung zeigt. Innovative Ideen aus ganz Deutschland könnten daran etwas ändern – und dem Pedelec Anschubhilfe geben.

Bei Gegenwind oder den Berg hinauf: Es gibt Situationen, in denen Radfahrer alles geben müssen. In denen es auf Muskeln, Ausdauer und Willensstärke ankommt. Doch nicht jeder Radler muss sich solchen Belastungen aussetzen. Mittlerweile erobern Technologien den Markt, die Radfahrer unterstützen. Allen voran hat das Pedelec in jüngster Vergangenheit auf sich aufmerksam gemacht. Es unterstützt Fahrer, solange sie selbst in die Pedale treten und maximal 25 km/h fahren. Schätzungsweise drei Millionen elektronisch betriebene Fahrräder sind inzwischen auf deutschen Straßen unterwegs.


Unter allen Nutzern sind es gerade Ältere, denen das Pedelec neue Möglichkeiten eröffnen kann: Wenn Entfernungen keine Frage der Fitness mehr sind, lässt sich der Alltag entspannter meistern. Und dennoch scheuen vor allem Bürger über 60 den "eingebauten Rückenwind", wie eine repräsentative Forsa-Umfrage nur unter dieser Zielgruppe von August 2017 im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) zeigt.

Zwei Drittel der Befragten können sich nicht vorstellen, ein Pedelec zu fahren

Die Top 3 in Sachen Mobilität führt bei den 1000 Befragten ab 60 Jahren das eigene Auto an. Drei Viertel geben an, sich regelmäßig hinters Steuer zu setzen. Fast genauso viele (74%) gehen zu Fuß. Knapp die Hälfte (48 %) fährt mit Bus und Bahn. Darauf folgt das Fahrrad. Vier von zehn Befragten nutzen ein herkömmliches Rad ohne motorisierten Antrieb. Jeder zehnte Befragte (11%) fährt bereits ein Pedelec. Fast die Hälfte (48 %) kann es sich jedoch "auf keinen Fall" vorstellen, ein E-Fahrrad zu nutzen. Weitere 13 % können sich das "eher
nicht" vorstellen.

Vom Auto lernen: Sicherheitstechniken fürs E-Rad

Natürlich gebe es mit Blick auf Pedelecs Risiken, sagt Ulrike Saade. Die Geschäftsführerin der Agentur Velokonzept war selbst lange Fahrradhändlerin. Seit Jahrzehnten setzt sich die Netzwerkerin für fahrradfreundliche Städte ein und gilt als Koryphäe der Radbranche. Die Risiken, von denen Saade spricht, seien weniger dem Gefährt geschuldet. So unterschätzten etwa Autofahrer mitunter das Tempo eines älteren Menschen auf einem Pedelec. Gerade in Abbiegesituationen könne das gefährlich werden. "Aber da gilt, was für alle Radfahrer gilt: Defensiv und umsichtig fahren."

Was wäre aber, wenn ein Fahrrad Hindernisse erkennen könnte, bevor es zum Zusammenstoß kommt? Abstandshalter oder Fahrspurassistenten gehören in Pkw und Co. inzwischen zum Standard. Sie greifen ein, bevor der Fahrer in Gefahr gerät. "Für Elektrofahrräder gibt es bisher keine vergleichbaren Angebote", sagt Norbert Barthle, Parlamentarischer Staatssekretär aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. "Doch das wird sich ändern." Das Bundesverkehrsministerium unterstützt im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans 2020 ein Projekt der Technischen Universität Kaiserslautern zur Entwicklung proaktiver Fahrerassistenzsysteme. "Gerade im komplexen Stadtverkehr wird die Technik Radfahrer künftig in kritischen Situationen warnen."

Schon heute vor Überschlägen bewahrt

Bereits Geschichte ist hingegen der "unfreiwillige Abstieg" über den Lenker – zumindest mit dem Antiblockiersystem (ABS) des Tübinger Unternehmens BrakeForceOne. Das entsprechende Modul kann an einer beliebigen Stelle am Fahrrad angebracht werden und bezieht den benötigten Strom vom Akku des E-Bikes oder Pedelecs. Muss der Fahrer plötzlich stark bremsen, erkennen Sensoren ob eines der Räder zu blockieren oder gar das Hinterrad abzuheben droht. So behält der Fahrer die Kontrolle und ist vor Überschlägen geschützt.

Ebenfalls der Kontrolle dient der Fahrradcomputer von Bloks aus München. Mit ihm hat der Fahrer die Technik jederzeit im Blick. Einmal am Lenker montiert, informiert der "BLOKS. remote14d" über Geschwindigkeit, Akkustand und die gewählte Motorstufe. Mit den seitlichen Tasten lassen sich das Licht und die Anfahrhilfe ein- und ausschalten.

"Der Elektromotor nimmt den Stress raus"

Im Gegensatz zum E-Bike, dessen Antrieb sich über einen Griff oder Knopf steuern lässt, wird auf dem Pedelec nur unterstützt, wer selbst in die Pedale tritt. "Sie können kein Gas geben", betont Ulrike Saade. "Der Elektromotor nimmt einfach den Stress raus. Gegenwind ist kein Problem mehr, genauso wie Steigungen."


Steigt man vom herkömmlichen Fahrrad auf ein Pedelec um, sind es jedoch vor allem Ältere, die Probleme haben. Der Grund: Sie sind in vielen Fällen lange nicht mehr Rad gefahren und entsprechend aus der Übung. Diesen empfiehlt Saade ein paar Trainingsrunden im Park oder sich doch einfach mal im Urlaub ein Pedelec auszuleihen.

"Sicherheit ist eine Frage der Qualität"

Beim Thema Kosten sind die Bedenken der Befragten nicht von der Hand zu weisen. "Etwa 2.000 Euro sollte man investieren", rät Ulrike Saade. "Dafür stehen die Chancen gut, dass das Pedelec mehr und mehr Autofahrten ersetzen wird und beispielsweise Spritkosten wegfallen." Interessenten sollten außerdem unbedingt im Fachhandel kaufen, sich umfassend beraten lassen und eine Probefahrt machen.


"Sicherheit ist vor allem eine Frage der Qualität", ist Saade überzeugt. Je hochwertiger das Pedelec sei, desto sensibler seien auch die Sensoren in den Pedalen, was wiederum die individuell optimale Unterstützungsstufe ausmache. Und wie steht es um das Thema Wartung? "Wie bei einem herkömmlichen Rad auch, muss hin und wieder etwas nachgestellt werden", weiß Saade. "Beim Akku sollte man darauf achten, dass er keinen Frost kriegt oder über Monate hinweg nicht genutzt wird und sich komplett entlädt. Im Winter nimmt man ihn am besten mit in die Wohnung."


Unabhängig von den praktischen Vorzügen sind Pedelecs aufregender, als ihr bisheriges Image vermuten lässt. Das zeigt das Beispiel Ruff Cycles. Mit den Rädern des Regensburger Unternehmens könnte man stilecht die legendäre Route 66 entlangfahren: "The Ruffian" ist ein Pedelec im Chopper-Look, das an Motorräder aus den 1950er Jahren erinnert. Es muss ja nicht gleich die Mutter aller Straßen in den USA sein. Freiheit schnuppern geht auch in Deutschland. Senioren mit Lederkutte und Pedelec im Chopper-Look? Vielleicht der Trend von morgen.

Infobox: E-Bike oder Pedelec?

  • Pedelecs bis 25km/h sind laut Straßenverkehrsgesetz dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt. Weder Kennzeichen noch Zulassung oder Führerschein sind nötig.Altersbeschränkung besteht nicht.
  • Beim sogenannten "schnellen Pedelec", das bis 45 km/hunterstützt, sind hingegen gesetzliche Besonderheiten zu beachten. Hier besteht unter anderem Helmpflicht.
  • Ebenso beim E-Bike: Vergleichbar mit einem Mofa, funktioniert der Antrieb per Handsteuerung auch dann, wenn der Fahrer nicht selbst in die Pedale tritt.
Infografik zum Thema Silver Biker

Quelle: BMVI