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Bundesminister Dobrindt
Bundesminister Dobrindt

Quelle: BMVI

Der Verkehrsminister über Klagen aus Österreich, drohende Strafen für Maut-Sünder und wie er Tricksereien bei der elektronischen Maut verhindern will.

Herr Dobrindt, Sie wohnen in Bayern nicht weit weg von der Grenze zu Österreich. Hand auf's Herz: Schon mal in Österreich ohne Vignette unterwegs gewesen?

Nein, definitiv nicht! Allerdings habe ich einmal gerade noch kurz vor der österreichischen Grenze gemerkt, dass ich zuhause eine Schweizer Plakette aufgeklebt hatte statt der österreichischen. Das hätte schief gehen können.

Die aktuellen Schlagzeilen sind kaum freundlicher. In der Schweiz, Belgien, Dänemark und vor allem in den Niederlanden und Österreich wächst der Protest gegen eine deutsche Maut. Gleich mehrere Länder drohen Ihnen mit einer Klage. Verstehen Sie die Wut?

Nein, ich habe wenig Verständnis für die Maut-Maulerei. Vor allem dann nicht, wenn sie aus Österreich kommt. Die Österreicher sind ausschließlich von ihrem nationalen Interesse getrieben nach dem Motto: Wer nach Österreich kommt, soll zahlen, Österreicher aber sollen in Deutschland kostenlos fahren. Diese Denke ist nicht europäisch und auch nicht angemessen. Wer seit 20 Jahren in seinem Land eine erfolgreiche Maut zur Finanzierung von Straßen betreibt, sollte mit seinen Nachbarn fairer umgehen.

Droht dem CSU-Prestigeprojekt jetzt die nächste Verzögerung?

Nein. Wir haben eine Einigung mit der Europäischen Kommission erreicht. Das zählt.

Bislang liegt im Dunkeln, was Brüssel in den Verhandlungen dazu gebracht hat, die Maut-Klage fallen zu lassen. Was gab den Ausschlag?

Die Gespräche sind nie abgebrochen. Ich habe vertrauliche und enge Abstimmungen mit dem Kommissionspräsidenten Juncker und der Kommissarin geführt. Ich habe darauf hingewiesen, dass es in mehreren Ländern, etwa Großbritannien, bereits eine Maut gibt, die unserem System ähnelt und die Brüssel nicht beanstandet hat. Außerdem will Brüssel im Grunde eine moderne deutsche Maut. Unser elektronisches Mautsystem könnte in der Lage sein, andere bestehende Mautsysteme technologisch einzubeziehen.

Wie soll das klappen?

Ziel der Kommission ist es, ein technisches System zu etablieren, das die unterschiedlichen nationalen Mautsysteme der Länder in Europa verstehen und vernetzen kann. Ich habe der Kommission zugesagt, dass wir sie unterstützen werden, wenn es darum geht ein europäisches Mautsystem zu entwickeln. Außerdem werden wir überlegen, wie wir andere Länder einbeziehen können, zum Beispiel Österreich oder die Schweiz. Auch diese Länder könnten auf die aufklebbare Vignette verzichten, wenn sie Schnittstellen zu unserem System schaffen.

Erst mal muss die Maut wirklich eingeführt werden. Wann kommt sie?

Wir wollen die Pläne noch in diesem Jahr abstimmen. Das neue Maut-Gesetz soll dann im Januar stehen und von der Regierung beschlossen werden. Dann sind Bundestag und Bundesrat am Zug. Ein weiteres halbes Jahr wird die Ausschreibung dauern. Der Start der Infrastrukturabgabe wird in der nächsten Wahlperiode liegen.

Sie müssen Ihr Preissystem auf Druck Brüssels ändern, Billig-Vignetten einführen und deutsche Autofahrer mit 100 Millionen Euro bei der Steuer zusätzlich entlasten. Lohnt sich der ganze Aufwand überhaupt noch?

Die Pkw-Maut bringt Einnahmen von 3,7 Milliarden Euro im Jahr, die zukünftig zweckgebunden für die Investitionen in die Infrastruktur jedes Jahr zur Verfügung stehen. Das ist der große qualitative Unterschied, der mit dem Systemwechsel von der Steuer- zur Nutzerfinanzierung verbunden ist. Die Kfz-Steuer landet im allgemeinen Finanzhaushalt. Die Pkw-Maut landet im Verkehrsministerium zweckgebunden für die Infrastrukturinvestitionen. Das gibt langfristige Finanzierungssicherheit. Die Nettoeinnahmen von ausländischen Autofahrern betragen dabei rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Das kommt auch daher, dass die Veränderung bei den 10-Tages-Kuzzeitvignetten nicht nur eine neue günstigere Preisklasse beinhaltet, sondern vor allem auch eine neue teurere - nämlich 20 Euro statt bisher 15 Euro. Daran sieht man schon, dass wir in der Summe mit Mehreinnahmen bei den Kurzeitvignetten rechnen. Außerdem hat der Verkehr aus dem Ausland in und durch Deutschland weiter zugenommen.

Wie viele Autofahrer profitieren von der Steuer-Entlastung?

Die einzelnen zusätzlichen Entlastungswirkungen werden gerade berechnet. Insgesamt liegt die Entlastung bei 100 Millionen Euro.

Wie Sie die Maut-Einnahmen berechnen, bleibt bislang unter Verschluss. Kritiker klagen, Sie rechneten sich die Einnahmen mit Prognosen schön. Warum veröffentlichen Sie die neuen Daten nicht einfach?

Unsinn. Wir haben eine umfangreiche und geprüfte Einnahmenprognose auf unserer Internetseite veröffentlicht. Jetzt wird sie aktualisiert. Die neuen Kurzzeitvignetten und die zusätzlichen Einfahrten sowie die aktualisierten Daten über das Verkehrsaufkommen werden eingepflegt und dann veröffentlicht.

Die Kritik an der Maut setzt Ihnen zu?

Nein, manchmal wundere ich mich nur. Jeder, der mehr in unsere Straßen investieren will, sollte für die Maut sein. Wer eine gerechte Beteiligung aller Nutzer befürwortet, der sollte für die Maut sein. Wer ganz selbstverständlich auf Straßen im Ausland Maut bezahlt, um auf guten Straßen sicher an sein Ziel zu kommen, der sollte die gleiche Selbstverständlichkeit von ausländischen Autofahrern in Deutschland erwarten.

Was müssen Autofahrer künftig tun, um die Vignetten zu bekommen?

Die deutschen Halter bekommen einen Steuer- und einen Mautbescheid. Daran können sie auch ablesen, dass sie nicht mehr zahlen als vorher. Die Kennzeichen werden automatisch freigeschaltet. Halter von ausländischen Autos können die elektronische Vignette online per Computer und Handy-App kaufen – oder an Automaten an der Grenze ihre Autos freischalten.

Es wird keine Schranken und Kontrollstationen geben?

Nein, wir planen eine elektronische Maut, die nicht in den Verkehrsfluss durch Schranken eingreift.

Die ist allerdings anfällig für Tricksereien. Wie wollen Sie Betrug verhindern?

Mit Kontrollen. Das System wird hauptsächlich von mobilen Geräten an wechselnden Standorten überwacht. So wird sofort klar, ob Fahrer gezahlt haben – oder nicht. Das Bundesamt für Güterverkehr wird diese Kontrollen übernehmen und dafür mit mehr Personal und Geld ausgestattet.

Drohen Maut-Sündern ähnlich drakonische Strafen wie in Österreich?

Ja. Wer seine Maut nicht bezahlt und dabei erwischt wird, muss harte Sanktionen fürchten. Im Gesetz sind Strafen mindestens in der Höhe des Betrags einer Jahresvignette und eines zusätzlichen Bußgeldes, das noch festgesetzt wird, vorgesehen.

Ist die Maut erst mal eingeführt, dürfte der Grundsatz wanken, dass kein Autofahrer mehr zahlt. Wann kommt die erste saftige Erhöhung?

Es bleibt dabei: Es gibt keine Mehrbelastung für inländische Autofahrer.

Werden Sie die Maut-Einführung noch als Verkehrsminister erleben? Hätten Sie gerne eine weitere Amtszeit?

Ich bin sehr zufrieden mit meinem Amt und habe Freude daran. Irgendwann kann ich mir auch Almwirt auf einer einsamen Berghütte in den Alpen vorstellen. Aber damit lasse ich mir noch etwas Zeit.

Das Interview führte Markus Balser.