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30D-Geschichte von Renate Bertram

Quelle: BMVI

  • Berichtet von ihrem ersten Spaziergang in den Osten (von Braunlage nach Elend).
  • Sie trifft eine Person („Du“) aus Elend, Ostdeutschland.
  • Beide Personen versuchen, die Welt aus der Perspektive des Anderen zu betrachten: „Ich sehe was, das Du nicht siehst.“
30D-Geschichte von Renate Bertram

Quelle: Privat - Renate Bertram

30D-Geschichte von Renate Bertram

Quelle: Privat - Renate Bertram

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30D-Geschichte von Renate Bertram

Quelle: Privat - Renate Bertram

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Quelle: Privat - Renate Bertram

Ich sehe was, was Du nicht siehst …

Du kannst es nicht sehen, nicht so wie ich. Du, du bist zwar so wie ich: genauso alt, genauso deutsch, genauso lebendig. Doch Du hast nicht meine Augen.

Jetzt gehe ich rüber zu Dir und schaue mal selbst. Die Grenze ist passierbar. Braunlage – Elend, das ist die Strecke. Die Straße ist nur schnell aufgeschüttet, die Straße? Der Weg, Schlagloch an Schlagloch, kann man auch nur zu Fuß rüber, sonst würde man sich die Stoßdämpfer kaputtmachen. Gut, zu Fuß geht es. Komisches Gefühl, eigenartige Stimmung, bisschen euphorisch alles. Kann mir ein Lächeln nicht verkneifen: Da sind Leute mit großen Apfelsinensäcken. Gehen die doch extra nach dem Westen, um Apfelsinen zu kaufen und schleppen sich dann 6 km mit so einem Sack Apfelsinen ab.

Ich sehe Dich jetzt schon, Du kommst mir entgegen. Was ist es, das mich Dich erkennen lässt? Was spiegelt sich in Deinem Gesicht? Freude, Hoffnung, Erstaunen, Neugier?

„Nein, wir wollen nicht tauschen“, sagst Du, „dass bisschen, was ich einkaufen will, dafür reicht es.“ Mein Gott, haben die denn immer noch Angst, dass sie beobachtet werden? So schöne harte Westwährung – schön blöd, das auszuschlagen – was die dafür alles kaufen könnten.

Da endlich, beim 3. Versuch klappt es. 1:5, hast Du was davon und ich auch. Jetzt, jetzt habe ich Dich das erste Mal gesehen, mit Dir gesprochen. Ich mag Dich.

Die Grenze, der Todesstreifen dahinter, ich gehe durch ihn durch. Da müssen doch immer noch Minen liegen, die können die doch nicht in der kurzen Zeit herausgenommen haben. Mein Gott, es ist nicht zu fassen: der Todesstreifen! Wie viele Augen haben ihn begehrlich angeschaut, haben sich vorgestellt, ihn zu überwinden, konnten es nicht – weder körperlich noch im Geiste.

… und das ist grau.

Schneisen im Wald, breite Schneisen, wozu – warum?

„Es soll zusammenwachsen, was zusammengehört.“ Ich beginne zu begreifen. Am Ende des Weges eine Gruppe Leute. Eilig hat irgendjemand einen Glühweinstand aufgebaut, freudig und rotwangig vom Glühwein feiert man Wiedersehen, oder besser sehen, was soll das „wieder“ dort? Jeder mit jedem – unbesehen vom Alter und vom sozialen Status. Ein Mercedes steht da, ganz neu, wie ein Panther im Käfig. Und da stehst auch Du, streichelst die Kühlerhaube. „So ein schönes Auto, mit dem wollen Sie durch die Schlaglöcher, ist doch schade um das schöne neue Auto.“

Und ich beginne zu begreifen:

Kein Neid, kein Hass, sondern Erstaunen, Bescheidenheit.

Ich gehe weiter, betrete fremdes Land. Elend – so heißt das Dort – Elend sehe ich, atme ich ein. Ich atme Ruß, Abgase, trübe Luft. Ich atme, was ich sehe. Ich sehe, was ich atme. Du, du leerst gerade – wie heißt das Ding noch – den Abfall aus dem Ofen, den Ruß in eine alte Mülltonne, wie ich sie noch aus meiner frühesten Kindheit kenne, doch inzwischen ist sie verrostet, der Ruß brennt in den Augen. Du lachst, weist mir den Weg.

Du erklärst mir, dass das hier Zonensperrgebiet war. Durfte keiner rein, nur Verwandte, musste vier Monate vorher beantragt werden. Und jetzt, jetzt können wir kommen und ihr könnt kommen, nur mit einem Pass! Was für Gefühle hast Du, was magst Du empfinden? Plötzlich geht es – es ist unbeschreiblich, ich kann es immer noch nicht in Worte fassen – und Du?

Du lachst, antwortest schlagfertig, Du hast nicht meine Augen. Du bist noch unwissend, noch. – Du siehst nicht die Kohlehaufen vor den Häusern, Du bist nicht fassungslos beim Anblick Deiner Häuser, an denen die Fassade abgebröckelt ist. Du siehst nicht die leeren Vorgärten, die an einen umgepflügten Acker erinnern, Du denkst nicht an Deine Kindheit, wenn Du Kopfsteinpflaster siehst, Du wunderst Dich nicht, dass diese verrotteten Lkws noch immer fahren, Du weißt genau, wo es was und wann gibt. Du kennst es nicht anders.

Langsam fange ich an zu begreifen, und mein mitleidiges Lächeln erlernt das Mitgefühl, meine Arroganz erstirbt, meine Augen hören auf Farbe zu suchen und meine Schuhe sind grau vom Straßenstaub.

Ich reiche Dir meine Hand, lade Dich zu mir ein, und ich wünsche Dir so sehr, dass Du es nie mit meinen Augen sehen wirst. Ich gebe Dir ein leichtes Rosa dazu, oder vielleicht ein kräftiges Pink oder gar ein knalliges Türkis, das mischen wir – und dann ist es nicht mehr grau.