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30D-Geschichte von Sabine Heitjohann

Quelle: BMVI

  • Verstörende Bilder von Menschen, die ihre Regierung stürzen wollten, nach Freiheit riefen und in Botschaften flüchteten.
  • 15 Jahre alt, als die Mauer fiel.
  • Erster Ostberlin-Besuch mit dem Geschichtskurs

Vereintes Deutschland

In der Schule lernten wir fleißig die Bundesländer mit ihren Hauptstädten und auch, dass es die Bundesrepublik Deutschland und die DDR gibt.

Ich bin am Rande des Ruhrgebietes geboren und aufgewachsen und für mich war es normal, dass man nicht in die DDR fahren konnte. Es hat mich aber auch nicht weiter interessiert und man sprach auch nicht groß über die "anderen Deutschen".

Irgendwann bekam ich als Kind mit, dass meine Großtante meine Oma fragte, ob sie nicht eine bestimmte Schokolade und besondere Strumpfhosen für eine Frau in der DDR einkaufen könne. Sie wünsche sich diese Sachen aus dem Westen. Meine Familie hatte sich die Schokolade selbst nur ganz selten gegönnt.

Als Jugendliche bekam ich schon mit, dass sich etwas Besonderes in der Politik tat, aber man hört es und kann die Reichweite nicht richtig einschätzen. Bilder von Menschen, die ihre Regierung stürzen wollten, nach Freiheit riefen und in Botschaften flüchteten, waren verstörend. Es betraf uns ja nicht.

Als die Mauer fiel, war ich 15 Jahre alt und habe das, was ich gehört und in den Medien gesehen hatte, in Geschichten, Gedichten und Bildern verarbeitet. Es kamen Worte auf wie „Ossi" und „Wessi". Oder „Besserwessi". Was sollte das? Waren die Deutschen aus den Bundesländern, die ich kannte, so viel anders als die, die hinter einer Mauer gelebt haben? Warum sagte man jetzt nicht „die Deutschen", sondern unterschied so eng nach West und Ost? Dass die Sachsen einen merkwürdigen Akzent haben, ja das ist so, aber im Urlaub in Bayern hatte ich auch immer das Gefühl, im Ausland zu sein.

Als Jugendliche war ich begeistert von den kleinen Autos, die plötzlich auch in NRW unterwegs waren. Dass meine Familie auf ein Auto sparen musste, wusste ich, aber dass es Menschen gab, die mehr als 10 Jahre auf ein Auto warten mussten, war mir nicht bewusst.

Dass Menschen waghalsige Fluchtversuche unternommen hatten, um in die Bundesrepublik zu kommen und dass die Regierung der DDR auf sie schießen ließ, auch nicht. So etwas konnte es irgendwo auf der Welt, weit weg, geben, aber doch nicht im Nachbarland, wo die Menschen meine Sprache sprechen.

In den ersten Jahren nach dem Mauerfall war es für uns etwas Besonderes, „nach drüben" zu fahren. Mein erster Besuch war mit der Schulklasse nach Berlin. - Geschichtsunterricht -

Jahre später in der Ausbildung hatte ich ein Seminar in Gotha und dann kam es sogar zu einem Urlaub im Harz. Ich lernte eine Parforcehorngruppe aus Ostwestfalen kennen und fuhr mit den Musikern zu Schleppjagden nach Brandenburg. Immer mehr Arbeitskolleg*innen und Bekannte kamen nicht mehr nur aus einem Teil Deutschlands. Es mischte sich mehr und mehr und man lernte voneinander.

Heute ist es keine Frage mehr. Man kommt mit dem Zug, Auto oder Flieger in alle Teile der 16 Bundesländer und es gibt keine Grenzen. Sicherlich noch in den Köpfen von Individuen, die sich ohnehin nicht auf Veränderungen einlassen können oder wollen, aber dennoch ihre Vorteile gerne wahrnehmen. Grenzzäune, Schlagbäume, Passkontrollen oder gar eine Mauer sind aber verschwunden.

Ich finde es schade, dass die Vielfalt über die Jahre verloren gegangen ist. Ob man nach München, Hannover, Hamburg, Schwerin, Erfurt oder Dresden fährt, überall dieselben Ladenketten, Einkaufszentren und Fast Food Restaurants. Mehr typisch Lokales würde uns gut tun. Das typische Handwerk ist vielerorts ausgestorben und regionale/lokale Produkte werden nur zaghaft vermarktet. Dass die Geschichte ein Land in zwei Teile gespalten hatte und es so lange gedauert hat, beide Teile wieder zu vereinigen, ist schon traurig. Dass ein Zusammenwachsen nach jahrzehntelanger Trennung ein langer Prozess ist, muss jedem klar sein, aber Füreinander und Miteinander haben wir schon sehr viel erreicht und müssen weiter daran arbeiten. Angst machen mir die Mitmenschen, die mit rechtem Gedankengut und Hetze gegen alles und jeden ein gutes Zusammenleben in einem vereinten Deutschland gefährden. Das Ausschließen von Menschen aus Hotels, Pensionen und Gaststätten, nur weil es in einer Region begrenzt zu Krankheitsausbrüchen kommt, zeigt auch wie vereint wir wirklich nach 30 Jahren sind.

Sabine Heitjohann