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30D-Geschichte von Angelika Meerwald

Quelle: BMVI

  • Hatte ihr Haus als Unterkunft für österreichische Gäste aus der Partnerstadt Klagenfurt angeboten.
  • Bekam für sich und ihre Kinder einen vierwöchigen Urlaub in Österreich von einem Ehepaar aus Klagenfurt geschenkt.
  • Reiste mit Bahn nach Österreich über München.
  • Public Viewing, als Deutschland 1990 Weltmeister wurde.

Mein wichtigstes Erlebnis 1990 hat tatsächlich mit der Bahn zu tun. Durch eine Aktion der Dessauer Zeitung „Freiheit“, später „Mitteldeutsche Zeitung“ bekamen meine sechs Kinder und ich einen vierwöchigen Urlaub in Österreich geschenkt. Ich musste mich nur um die Schulfreistellung für meine zwei ältesten Töchter kümmern und unsere Zugtickets kaufen.

Meine damalige Heimatstadt Dessau hat als Partnerstadt Klagenfurt. Es ging darum, private Unterkünfte für unsere österreichischen Gäste für ein Event zu finden. Da unsere Wohnung groß genug war und ich ein Zimmer entsprechend umgestalten konnte, bot ich mich an. Unsere Wohnung in einem Jugendstilhaus war zwar von der Größe her ein Schloss, vom Bauzustand her aber ein Geisterschloss. Hoffte ich gar auf einen Investor, der unsere Wohnsituation verbesserte, ein „Vermieter mit Herz“ praktisch? Jedenfalls riet mir eine Freundin (keine von den „flüchtigen“ Freundinnen) dazu, an die Zeitung zu schreiben.

Da es freundschaftlich war und es kein Geld gab, ging es mir auch weniger um Geld, sondern um persönliche Kontakte, weil meine „Westkontakte“ durch die Wende kurzerhand komplett abgebrochen waren. Aber auch einheimische Freundschaften brachen abrupt ab, neue entstanden und verloren sich nach kurzer Zeit wieder. Ich war abgesehen von meinen Kindern ziemlich allein.

Die Zeitungsredaktion hatte also meinen Brief nach Klagenfurt weitergeleitet. Anstatt dass jemand kam, um das Zimmer und das Bad zu inspizieren, bekam ich, als ich das Ganze schon vergessen hatte, einen Brief von einem Arztehepaar aus Villach, in der Nähe von Klagenfurt. Sie luden uns zu einem vierwöchigen Urlaub im Bundesland Kärnten ein. Nach einem Briefwechsel hin und her fand das Ehepaar aus Villach eine Unterkunft, in der wir alle Sieben unterkommen konnten und in einer Gegend, wo keine Alpinen Kletterkünste nötig waren. Das war das Klosterhotel Schloss Wernberg, zwar auch auf einem Berg gelegen, aber zu Fuß mit Kinderwagen und großer Kinderschar erreichbar.

Ich sagte schriftlich zu und besorgte Reisepass, Schulfreistellung und tauschte ein Starttaschengeld in D-Mark ein. Einen Tag vor unserer Abreise packte ich unsere Sachen in drei große Reisetaschen aus stabilem Nylonstoff. Koffer wären zu schwer gewesen und ich hatte auch nur einen Koffer. Ich hatte diese Nylontaschen schon vorsorglich gekauft, egal ob es zu dieser Reise kommt oder nicht. Da ich keinen hatte, der unser Gepäck zum Bahnhof fuhr, packte ich die drei Taschen in den Kinderwagen und schob diese Fracht zum Hauptbahnhof. Damals konnte man noch problemlos und ohne Zusatzkosten das Reisgepäck unter Vorlage der Fahrkarten am Heimatbahnhof abgeben und am Zielbahnhof wieder abholen.

Anfang Juni 1990 traten wir dann mit dem Nachtzug die Reise nach München an. Auf halber Strecke in Hof wurde die Abteiltür geöffnet und ich sanft geweckt: „Grüß Gott, Sie befinden sich im Freistaat Bayern. Bitte zeigen Sie ihre Ausweise!“ Ich zeigte alles, was ich an Papieren und Dokumenten mit hatte, sowie unsere Fahrkarten. Der Kontrolleur las unsere Namen, schaute kurz nach meinen schlafenden Kindern und verglich, zählte sie durch. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Sie können jetzt weiter schlafen, gute Fahrt noch!“

Früh gegen 5 oder 6 Uhr kamen wir in München auf dem Hauptbahnhof an. Wir setzten uns irgendwo auf die Treppenstufen, unsere Restschnitten zu frühstücken. Ein Polizist oder Bahnwache baten uns aufzustehen. Aber er wies uns auch nicht auf die Bahnhofsmission hin, brachte uns auch nicht dorthin. Wir waren noch nicht richtig wach, aber es hatte auch nichts auf und es gab keine Sitzgelegenheiten, weil das Bahnhofsgebäude umgebaut wurde. Bei späteren Münchenfahrten fand ich den modernisierten Münchener Hauptbahnhof als sehr hässlich. Aber zu DDR-Zeiten bzw. kurz nach der Wende lebten wir ja noch im Neubauwahn.

Aber wir kriegten die Zeit rum, verhungerten auch nicht und die Wechselstube hatte dann auch auf. Ich musste ja unsere Deutsche-Mark noch in österreichische Schilling umtauschen. Um 8 oder 9 Uhr stiegen wir dann in den österreichischen Schnellzug ein. Die Berglandschaft wurde immer atemberaubender und märchenhafter bei tiefblauem Sommerhimmel. Unser Urlaub fing bereits bei der Zugfahrt an. Selbst die Kinder fühlten sich nicht von der Fahrt gelangweilt, so schön war es!

Dass wir in Österreich waren, merkte ich erst, als wir auf dem Salzburger Bahnhof hielten. Kontrolliert wurden nur unsere Fahrkarten. Nach Salzburg kamen nur noch wenige Haltepunkte, oder es war sogar der einzige bis wir in Villach ankamen. Auf dem Bahnsteig in Villach wurden wir bereits von zwei Nonnen und unserem Sponsorenehepaar erwartet und empfangen. Mit zwei Autos wurden wir dann zum Kloster Schloss Wernberg gefahren. Wir bekamen sogar noch Mittagessen, bzw. wurde extra für uns aufgehoben. Alle Mahlzeiten waren in der Reise inbegriffen. Wir hatten einen Familientisch. Für meinen Jüngsten gab es auch einen Kinderhochstuhl, so dass auch er mit am Tisch sitzen konnte ohne komplizierte Kissenkonstruktion. Außer uns war noch eine Familie mit vier Kindern aus Baden-Württemberg. Diese Familie schickte uns später ein Paket mit neuen extra für uns gekauften Kindersachen nach Hause. Alle anderen Urlauber waren ältere Herrschaften, die auch manchmal etwas genervt taten, wenn die Kinder etwas laut waren. Aber das kenne ich von zu Hause und ich ignorierte es entsprechend. Meistens waren wir auch draußen, weil für unsere Wanderungen keine alpinen Kletterkünste erforderten.

Unsere Ferienwohnung lag im Erdgeschoss, was für mich und die Kinder vor allem wegen dem Kinderwagen wichtig war. Der Eingang war ebenerdig vom Hof aus unter einem Arkadengang. Das Zimmer hatte 3 Doppelstockbetten, da mein Jüngster im Kinderwagenoberteil schlief, das wir nachts vom Fahrgestell trennten, damit es nicht umkippen oder davon rollen kann. Das Bad verfügte über 3 getrennte Bereiche, Waschraum, Duschraum und Toiletten mit jeweils 3 Geräten.

Als am 2. Tag unsere Reistaschen noch nicht angekommen waren, bekamen wir Wechselsachen von der Kleiderkammer. Wechselsachen für meinen Jüngsten hatte ich im Handgepäck. Als dann am 3. Tag unsere Reistaschen ankamen und die Nonnen sie vom Bahnhof abholen konnten, waren wir wieder „stadtfein“, um die Umgebung zu erkunden. Neben einer ausführlichen Klosterführung ermöglichten uns die Nonnen auch Auto-Fahrten nach Villach und Klagenfurt. An einem Tag waren wir auch am Wörthersee und durften dort eine Schifffahrt mit machen. Am Wörthersee besuchten wir auch den Miniaturenpark „Minimundus“. Leider besaß ich bei unserer Österreichreise keinen Fotoapparat. Es wäre interessant gewesen die Kinder auf zu nehmen, die teilweise gleich groß oder größer waren als die ausgestellten Häuser. Von Deutschland her kannte ich bisher noch keinen Miniaturenpark. So gab es mindestens einmal im Monat ein Highlight für uns, das für uns organisiert wurde. Alleine hätte ich das wohl in einem fremden Land nicht geschafft. An den anderen Tagen waren wir zu Fuß und mit Kinderwagen unterwegs. Wir waren ausgepowert und es gab keine Einschlafprobleme bei den Kindern.

Der einzige Regentag war einer der letzten Tage oder es war sogar unser letzter Tag. Das war der Tag, als Deutschland Fußballweltmeister wurde und auf dem Klosterhof eine große Videoleinwand (bestehend aus vielen einzelnen großen Fernsehgeräten) aufgebaut war. Da die Bildwand gegenüber unseres Einganges war, konnten wir im Trockenen gucken, die Bewohner/Urlauber, die über uns wohnten, konnten sicher auch im Trockenen von ihrem Zimmerfenster aus gucken. Alle anderen und die Leute aus dem Ort standen dicht gedrängt unter Regenschirmen auf dem Klosterhof. Wir konnten uns also nach Spielende, bzw. nach der Siegerehrung zurückziehen ohne uns durch die Menschenmassen zu drängeln. Das war unser erstes Fußball Public Viewing.

Am 30. Juni traten wir dann am Morgen die Heimreise an. Aber frühstückten noch und bekamen auch Reiseproviant mit. Als Dankeschön hatte ich zu Hause ein Kunstbuch über das „Dessau-Wörlitzer Gartenreich“ gekauft. Eigentlich hätte ja das auch unser Sponsorenehepaar verdient, ein Geschenk zu bekommen. Wir sind zu DDR-Zeiten so erzogen worden für jedes Geschenk wieder etwas zu geben etwas so an zu nehmen, war neu für mich. Aber es war auch eine einmalige Sache. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr denke ich an unsere erste Österreichreise. Hoffentlich tun das meine Kinder auch. Schade ist nur, dass es keine Fotos gibt.

Aber die Truppe zusammenhalten und gleichzeitig fotografieren geht nicht. Meine jüngste Tochter ist mir jedenfalls mal im Spar-Markt zwischen den Regalen verloren gegangen, als wir Pampers-Windeln und Schokolade kauften. Der Beruf dieser Tochter ist heute Verkäuferin. Wir bemerkten ihr Fehlen, als wir oben im Kloster angekommen waren und wir kehrten auf der Stelle um, wo meine Tochter von einer Kassiererin betreut wurde. Ja auch so etwas passiert. Wir waren auch nie wieder alle zusammen verreist, aus Kosten und Organisationsgründen ging das nicht.

Die Heimfahrt war ein ebenso schöner sonniger Tag, wie die Hinfahrt und wir nahmen Abschied von der Majestätischen Bergwelt. In München waren gleich Helfer von der Bahnhofsmission zur Stelle, um uns beim Aussteigen zu helfen. Da noch viel Zeit bis zum Umsteigen war, nahmen sie uns mit auf die Station, wo wir etwas zu essen und Tee zum Trinken bekamen. Beim Einsteigen in den Heimatzug bekamen wir ebenfalls Hilfe. Gegen Mitternacht kamen wir in Dessau Hauptbahnhof an. Den Weg nach Hause schafften die Kinder zu Fuß, weil ja nachts kein Bus mehr fuhr.

Früh um 6 Uhr wurde ich durch die Hausklingel brutal aus dem Schlaf gerissen. Die Leute, mit denen ich einen Deal wegen dem D-Mark-Umtausch hatte, standen vor meiner Wohnungstür, es war der 1. Juli 1990, der Tag der Währungsunion.

Auf den Gedanken, das Geld komplett zu behalten und in Österreich zu bleiben und ein neues Leben zu beginnen, wäre ich nie gekommen. Es wäre auch nicht möglich gewesen, weil Österreich eigenes Geld hatte. Darum sagt auch den Leuten nicht, dass ich den Deal nur machte, um die 1.000,- Mark fürs Umtauschen geschenkt zu bekommen, weil ich das Geld für die Zugfahrt brauchte. Dann hätten wohl die Leute nicht den Deal mit mir gemacht und wir hätten diese Reise nicht antreten können. Später allerdings wenn es uns schlecht ging, dachte ich oft, was wäre, wenn ... Eine „Flucht" wäre zwar 1990 noch möglich gewesen, weil ich noch Erziehungsgeld bekam und die Wohnung noch halten konnte, weil die Miete noch nicht gestiegen war.

Aber wer flüchtet noch, wenn man weiß, dass es ab 3. Oktober sowieso ein vereinigtes Deutschland gibt. Kriminelle Machenschaften, also fremdes Geld einbehalten war nicht mein Ding. Eigentlich waren wir alle, die diese „Geldwäsche" betrieben, Kleinkriminelle. Da es viele taten, wurde das auch nicht rechtlich verfolgt und wenn dann wäre es in diesem Jahr verjährt.

Natürlich versuchte ich auf andere Art, meine Lebenssituation zu verändern, aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt als Rentnerin habe ich alle meine Ziele erreicht, unternehme allerdings nur Kurzreisen für eine Woche, weil meine Familie größer geworden ist, ich habe momentan 7 Enkelkinder und bereits den ersten Urenkel. Aber meine kleinen Reisefreiheiten genieße ich trotzdem.