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30D-Geschichte von Ingrid und Eckhard Radewaldt

Quelle: BMVI

  • Beide lieben Berlin, regelmäßige Besuche seit den frühen 70er Jahren.
  • Silvester 1989 in Berlin, offene Grenzen selbst erleben.
  • Krönung war die Silvesternacht 1989, begrüßten das neue Jahr mit altem Wein und in riesiger Menschenmenge.
  • Gemeinschaftsgefühl war unbeschreiblich.
  • Trafen ein Ehepaar aus Ostberlin, mit dem sie dann gemeinsam ihren Wein aus Pappbechern tranken und deren Überraschungspfannkuchen aßen.
  • 30 Jahre später, also 2019, feierten sie Silvester wieder in Berlin.
30D-Geschichte von Ingrid und Eckhard Radewaldt

Quelle: Beitrag - Ingrid Radewaldt

Sehr geehrte Damen und Herren!

Am 1. Januar 2020 lasen wir auf der Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg in einem DB-Heft (01/2020, S. 91) Ihren Aufruf, ganz persönliche Erlebnisse aus den Jahren 1989/90 zu schildern.

Für uns stand sofort fest: Wir müssen über unsere Silvesterreise 1989 nach Berlin schreiben – dazu aber auch über unsere Erinnerungsreise 2019 an den gleichen Ort.

Hier nun unsere Erlebnisse, auf mauergrauem Papier geschrieben und gut verpackt.

Mit freundlichen Grüßen

Eckhard und Ingrid Radewaldt

30D-Geschichte von Ingrid und Eckhard Radewaldt

Quelle: Beitrag - Ingrid Radewaldt

Berlin! Diese Stadt mochte ich schon seit 1958, als meine Freundin von Hamburg nach Westberlin ins neue Corbusierhaus zog und ich sie dort besuchte.

Auch mein Mann war und ist Berlinfreund, und so fuhren wir seit den frühen 70er Jahren regelmäßig nach Berlin, auch wenn auf der Fahrt durch die DDR immer wieder unliebsame Überraschungen und Schikanen auf uns warteten. Umso mehr spürten wir die Freiheit bei der Ankunft in Westberlin.

Und so wurde der 9. November 1989, als die Mauer fiel, auch für uns persönlich zu einem großen Glückstag, den wir gebührend feiern wollten. Mein Mann hatte die spontane Idee, zum Jahresende nach Berlin zu fahren, um die offenen Grenzen selbst zu erleben.

Zum Glück bekamen wir noch ein Hotelzimmer in der Nähe des Kurfürstendamms, und unser erster Weg führte uns zum Brandenburger Tor. Dort standen zwar noch Vopos, die die Ausweise kontrollierten, aber bald danach flanierten wir ganz entspannt unter den Linden. Ein unbeschreibliches Gefühl neuer Freiheit!

Am nächsten Tag standen wir auf dem Weg nach Potsdam zum ersten Mal vor der Glienicker Brücke, der „Agentenbrücke", die für mich immer der Inbegriff des „Eisernen Vorhangs" und des „Kalten Krieges" gewesen war. Ein netter Polizist ließ sich zwar noch die Ausweise zeigen, winkte uns dann aber durch und kurz danach saßen wir bereits im romantischen „Drachencafé" des Parks von Sanssouci, konnten sogar mit DM bezahlen und nach der Ruhepause das Schloss genießen. Endlich standen wir in den Räumen, die wir bisher nur von Abbildungen kannten, so auch von Menzels stimmungsvollen Gemälden. Selten hat ein historischer Ort solche Glücksgefühle in mir ausgelöst.

Gekrönt wurde unser Berlinbesuch aber durch die Silvesternacht 1989. Dass sehr viele Menschen auf die Idee gekommen waren, Silvester in Berlin zu feiern, merkten wir spätestens am Bahnhof Zoo, von wo aus wir in Richtung Brandenburger Tor fahren wollten. Als die dritte S-Bahn wegen Überfüllung nicht mehr hielt, rannten wir zum nächsten Taxistand. Der Taxifahrer sah unsere Plastiktüte mit der Wienflasche und sagte gleich: „Zum Brandenburger Tor fahre ich nicht!" Wir konnten ihn aber überreden, so weit wie möglich Richtung Tiergarten zu fahren, und er ließ uns in der Nähe des großen Sterns aussteigen.

Inzwischen war es fast Mitternacht geworden. Wir gingen die Siegesallee entlang und sahen schon von Weitem, dass sich auf dem Brandenburger Tor eine Gruppe von Menschen bewegte. Mein Mann meinte: „Guck mal, das ist bestimmt der Hausmeister, der dort mit seinen Gästen feiert, weil sie so den besten Blick von oben haben!"

Später lasen wir in der Zeitung, dass keineswegs der Hausmeister feierte, sondern „Vandalen" über ein Baugerüst auf das Tor geklettert waren und Teile der Quadriga demontiert hatten. Nach Jahren erfuhren wir, dass die Mutter eines der „Vandalen" den gestohlenen Siegeskranz der Stadt Berlin zurückgegeben hatte.

Auf dem langen Weg zum Brandenburger Tor hörten wir dann unentwegt ein Klickern und Klopfen, das wir nicht einordnen konnten und das immer lauter wurde. Es waren die „Mauerspechte", die auf Leitern mit Hämmern kleine, auch farbige Stücke der Mauer abschlugen. Später am Abend bekam auch ich die Möglichkeit, auf eine Leiter zu klettern und mit einem geliehenen Hammer Mauerstückchen abzuschlagen.

Sie stehen seit 30 Jahren auf unserer Bücherborte.

Das neue Jahr begrüßten wir mit altem Wein in der größten Menschenmenge, die uns jemals umgeben hatte.

Es war ein unbeschreiblich gutes Gemeinschaftsgefühl, das noch verstärkt wurde, als wir gleich nach Mitternacht über einen Scherbenteppich durch das Brandenburger Tor hinüber nach Ostberlin schlenderten. Dort trafen wir auf ein Ehepaar aus Ostberlin, das auch die Maueröffnung feiern wollte, und wir kamen schnell ins Gespräch.

Unseren Wein in Pappbechern gab es zusammen mit ihren selbstgebackenen Berlinern, von denen einer einen extra gereinigten DDR-Pfennig enthalten sollte.

Zum Glück bekam ich ihn! Er liegt bis heute bei den Mauerstückchen und erinnert uns an diese besonderen Stunden, die der Anfang einer langjährigen Ost-West-Beziehung wurden.

Die unerwartete Freiheit eröffnete damals für uns neue Ziele, die ein paar Wochen vorher noch fern und unerreichbar gewesen waren. Zunächst besuchten wir die Umgebung Berlins; später gab es wundervolle Reisen in den nun nicht mehr fernen Osten. Und auch berufliche Aktivitäten, bis dahin undenkbar, waren nun möglich.

Mitte Dezember 2019, 30 Jahre nach dem Mauerfall, überlegten wir, Silvester wieder in Berlin zu feiern. Unser Lieblingshotel war da schon ausgebucht, vor drohenden Menschenmassen auf der Fanmeile am Brandenburger Tor wurde in der Presse ebenso gewarnt wie vor der Überfüllung der ganzen Stadt. Das verhieß nichts Gutes.

Wir fanden dann aber doch noch ein passendes Hotel. Sogar unser Lieblingslokal hatte noch freie Plätze für das Silvestermenü, ebenso die Bundesbahn für den Zug nach Berlin. Gespannt starteten wir in unseren Kurzurlaub.

Das Kulturprogramm war wieder wundervoll – „Alexander und Wilhelm von Humboldt" im Zeughaus im ehemaligen Osten und unbekannte Menzel-Bilder im alten Westen.

Leider war das Pergamonmuseum wegen Überfüllung geschlossen. Dafür genossen wir die Atmosphäre der Museumsinsel und der angrenzenden Viertel, die zum Treffpunkt geworden waren für unendlich viele, meiste junge Menschen aus aller Welt. Noch nie habe ich so viele verschiedene Sprachen in so kurzer Zeit gehört. Wir fanden aber immer wieder ruhige Plätzchen zum Verweilen.

Wichtig auch: Wir sind seit Silvester 2019 „Mitbesitzer" einer berühmten Immobilie. – Wir haben endlich Bausteine für das neue Schloss gekauft.

Dann begann der Silvesterabend.

Nach einem stillen, feinen Abendessen fuhren wir bequem mit der U-Bahn bis Stadtmitte, 1989 noch undenkbar. Es gab keine Überfüllung, weder in der Bahn noch in den Straßen. Unter den Linden allerdings hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt. Wir standen in absolut internationaler Gesellschaft, um das Feuerwerk zu sehen.

Statt Wein gab es Tea-To-Go in einem überfüllten, munteren italienischen Restaurant, das auch anspruchsvolle Wünsche der Multikulti-Gäste souverän und freundlich erfüllte.

Zurück in unserem riesigen Hotel wollten wir noch ein Glas Wein auf das neue Jahr trinken. Wir fanden noch Platz bei fünf festlich gekleideten, müden jungen Leuten, die zu unserem Erstaunen dort Silvester gefeiert hatten.

Ein Pärchen aus der Gruppe allerdings rückte gleich zu uns auf und begann ein sehr persönliches, herzliches Gespräch, das lange dauerte und in der intensiven Schilderung ihrer Zukunftswünsche gipfelte:

Die beiden träumten von einem beschaulichen Leben am Stadtrand von Berlin. Mit geregelten Arbeitszeiten, ohne Karriere und Stress, aber mit Kindern, Häuschen und einem schönen Garten. Eine der vielen möglichen Lebensformen im jetzt geeinten freien Berlin!

Ein Traum von uns wurde allerdings nicht erfüllt: Der Weg durch das Brandenburger Tor in der Silvesternacht! Die vielen Absperrungen hinderten uns daran.

Text, Fotos und Umschlaggestaltung: Ingrid Radewaldt, Hamburg, März 2020