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30D-Geschichte von Martin Reinschmidt

Quelle: BMVI

  • War zur Zeit des Mauerfalls in der 4. Klasse.
  • Hörte Vater morgens weinen „Die Mama ist weg“, Martin hatte Bedenken wegen eines Streits zwischen den Eltern vor kurzem.
  • Vater sagte eigentlich: „Die Mauer ist weg.“
  • Bekam im Sommer 1990 Besuch von Verwandten aus Dresden.

Die Mama war weg, der Lada war da

Schon das Bett fühlte sich an diesem Morgen anders an. Es war ein Freitag, ich musste erst zur dritten Stunde zur vierten Klasse der Grundschule. Meine Schwestern hatten das Haus bereits in der Frühe verlassen, ihre morgendliche Geschäftigkeit ließ mich halbwach, aber nicht schlaflos werden. Seit einer Stunde aber zog sich der Schlummer nun mehr und mehr von mir zurück. Es war ein heller Herbstmorgen, ungewöhnlich grell waren die Vorhänge an der Schmalseite meines Zimmers vom Gartenlicht durchritzt. Noch ein wenig taumelte ich in dieser Mischwelt von Schlaf und Erwachen, die Füße nah am Körper, da das Ende der Bettdecke kalt war. Aus der unteren Etage drang Radiomurmeln. Noch eine Viertelstunde konnte ich liegen bleiben, wie ich dem Ziffernblatt des Weckers entnahm. Ich war stolz darauf, nicht mehr geweckt werden zu müssen. Kälter und kälter wurden die Deckenenden, weiter und weiter zog ich mich zusammen. Mein Blick wanderte über meine Playmobillandschaft, die die gesamte Fläche des Zimmerbodens einnahm. Eine Westernstadt mit Sheriff’s Office, Saloon und Drug Store. Dazu der Bahnhof, den ich zum Geburtstag im Mai bekommen hatte. Kutschen und Planwagen auf den Wegen und Straßen, Banditen hinter Kakteen und auf Felsgruppen in der Steppe. Die Felsbröcklein hatten wir von der nahen Baustelle geholt, so viele, dass meine Schwester sich ängstigte, sie wären zu schwer für das Haus und die Decke könnte einstürzen. Mama hatte beruhigt. Mama hatte auch einen See aus einem blauen Müllsack geschnitten, der den Tieren in der staubigen Steppe neben den Bahngleisen Wasser gab. Mama hatte gesagt, die Landschaft sei ganz toll geworden. Noch war das Morgenlicht nicht bis unter den Tisch gedrungen, unter dem der Zug parkte. Normalerweise stellte ich ihn über Nacht vor dem Bahnhofsgebäude ab, aber seit Wochen stand er nun unter dem Tisch. Staub, echter Staub, hatte sich auf Dächer, Arme und Pistolen gelegt, denn Lego-Technik Autos waren nun weit spannender. Ich war nur noch nicht zum Abbau der Western-Welt gekommen. Mama wollte aber irgendwann den Teppich saugen.

Ein erstickter Schrei drang durch das Haus. Weinen. Mein Vater. Er saß in der Küche. War arbeitslos. Trotzdem nicht arm.

„Die Mama ist weg!“ Lautes Aufschluchzen folgte.

Die Nachricht erfasste mich wie eine kalte Kralle. Unwillkürlich zog ich die Decke über den Kopf, presste beide Arme über die Ohren. Die Mama war weg? Das ... das konnte doch nicht möglich sein, nein, das durfte nicht sein, das war unmöglich! Sie hatten einen schrecklichen Streit im letzten Jahr, diese Sommerferien gab es deshalb keinen Familienurlaub, alles war wieder etwas besser, also durfte, konnte die Mama doch nicht weg sein? Die Mama war doch immer da!

Schließlich hielt ich die Ungewissheit und die Angst nicht mehr aus, tastete mit meinen Füßen in das Zimmer, zog die Decke erst vom Kopf, als ich die Pantoffeln an den Zehen spürte. Dann wand ich mich hervor, stelzte durch die Western-Welt zur Tür, den Flur herab, der Küche entgegen. Mein Vater war nicht mehr zu hören, dafür das Radio, das, zum Ende der Lautstärkenskala aufgedreht, einem aufgeregten Mann plärrende Bühne bot. Vater hörte so laut Radio, damit man sein Weinen nicht hörte, so ahnte ich. Weiter und weiter wagte ich mich vor, das Treppenhaus hinunter, durch den Vorhang, hinter dem es wärmer wurde. Grell erschien das Glas der Küchentüre, hinter den Zierschlieren der verschwommene Atlas der Küche – weiß-rote Tischdecke, gelbbraune Stuhlbeine, weiße Teller, rote Marmelade. Nun erst hörte ich auf das Radio.

„... und es ist ein nie gesehenes Spektakel, die Stimme versagt mir nahezu angesichts dieses Freudentaumels der jungen Menschen, die hier seit den frühen Morgenstunden auf der Mauerkrone feiern, stehen, sich drängen, die Fäuste gen Himmel strecken und sich in die Arme fallen ... Einigkeit, und Recht und Freiheit höre ich heraus, und in der Tat, meine Damen und Herren erlebt Deutschland hier seit dem gestrigen 9. November wohl Sternstunden, auf deren Eintreten selbst die kühnsten Optimisten nicht mehr gehofft haben ...“

Vater brüllte: „Deutschland!“

Wie konnte er nur jetzt Deutschland rufen, wo es um die Mama ging? Lange stand ich vor der Tür im Schatten, bevor ich mich überwand, in die Küche zu treten.

Ich sprach in den Lärm des Radios, mein Vater sah mich mit nassen, verzerrten Augen an. Erst nach einigen Sekunden drehte er die Lautstärke herunter. Ich wiederholte meine schreckliche Frage:

„Ist die Mama wirklich weg?“

Seine Augen tanzten erneut, als würde ein Kabinett Fledermäuse in seinem Schädel kreisen.

„Wat? Biste bescheuert? Die Mauer ist weg! Die Mauer!“ –

Auch lange Zeit später konnte ich nicht sagen, welches Gefühl stärker war: Die unsägliche Erleichterung, dass ich mich verhört hatte, die ‚Mauer‘, und nicht die Mutter weg war – sie kam bald darauf vom Morgeneinkauf zurück, nahm mein Gesicht in ihre fahrradkalten Hände und ermahnte mich, mich schnell für die Schule fertig zu machen, ich sei ja heute so spät – , die Erkenntnis, dass die Tränen meines Vaters nur solche der Rührung gewesen waren; oder die Aufregung, eine fundamentale historische Scheidemarke miterlebt zu haben.

Oft hatten wir Kinder von der „Ostzone“ oder der „DDX“, wie mein Vater das Land betitelte, gehört, dem Land, aus dem zu Weihnachten und zu Geburtstagen Pakete kamen. Wir hatten Bekannte in Dresden, meine Eltern trafen sie einst auf einer Freizeit in Oberstdorf. Das Ehepaar durfte ausreisen, weil der Mann sehr lungenkrank war. Sie arbeitete in der Luftballonfertigung. Ihre schlaue Schwester war mit einem Mann namens Manfred verheiratet. Die schlaue Schwester und Manfred durften nicht zu uns kommen, schickten aber Dresdner Christstollen, Schnitzereien aus dem Erzgebirge sowie dünnes Briefpapier zur Feier meines Welteintrittstages, versehen mit der Widmung: „Für Martin! Wir hoffen, dass er uns mal schreibt!“ Das Briefpapier benutzte ich später, um darauf Quartettkarten abzumalen. Das Land im Osten, das Land hinter der „Mauer“, war also nebulös bekannt, obwohl wir als Kinder überhaupt keine Vorstellung von seinen historischen und politischen Konturen hatten.

Wohl aber war nun zu erwarten, dass einige Leute aus dem neuen Land kommen würden, in die Bundesrepublik, wo man wie die Made in Germany leben könnte.

Und es kamen Einige.

Es kam Ronny Friedrich aus Apolda in meine vierte Klasse, in der Alexandra Judt einen bunten Brocken aus der Berliner Mauer präsentierte, den ihr Vater, seines Zeichens Fernfahrer, aus der nun vereinten Enklave mitgebracht hatte. Ronny Friedrichs Familie wurde schnell heimisch, sie bezogen ein graues, mickriges Haus im unteren Dorf, das Herbert Friedrich, Ronnys Vater und kundiger Mechaniker, schnell auf Vordermann brachte.

Ronny pflegte, wenn er dran genommen wurde, aufzuspringen und mit den Händen an der Hosennaht seine Antworten zu schmettern. Es sollte eine Weile dauern, bis unser Lehrer, Herr Konstantin, der erste Grüne im Ort, mit eben soviel Haar im Gesicht wie auf dem Schädel, ihm diesen Reflex abspenstig machen konnte.

Es kamen zwei seltsame Burschen, die an einem Aprilabend 1990 durch die Straßen unseres Dorfes liefen. Unter den Straßenlampen sah man ihre kindliche Haut und die mit Filzstift getupften Bartstoppeln. Man sah ihre Kleidung, die selbst zu Adenauers Zeiten schon unmodisch gewesen sein musste, man sah die Pfeife, die noch aus dem Kaiserreich stammte. Wenn die Dunkelheit sie wieder schluckte, konnte man sie wohl mit viel kindlicher Phantasie für zwei Besucher aus dem Osten halten, die sich in einem sonderbaren Dialekt über das Dorf in Westdeutschland unterhielten. So stellten meine Schwester und ich uns mögliche Gäste aus der DDR vor. Von Langeweile erfasst, waren wir auf die Idee gekommen, uns mit den alten Kleidungsstücken aus der Sammlung unsrer Großeltern zu maskieren und ein wenig durchs Dorf zu laufen. Natürlich, indem wir uns als DDR Bürger ausgaben, von denen wir, wie angemerkt, keinen blassen Schimmer hatten. Meine Schwester ähnelte einem Boheme mit Nickelbrille, schulterlangem Haar, Dreitagebart, Schiebermütze und Sakko, ich einem frühzeitig vergreisten Knäblein mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart, Bogart Hut und Kamelhaarmantel aus dem Nachlass meines kleinwüchsigen Großvaters. In allem Übermut beschlossen wir gar, in unserem Aufzug auf der Geburtstagsfeier meines Patenonkels vorbei zu schauen. Wir erregten nicht geringes Aufsehen, erzählten unsere Geschichte, davon, dass wir Onkel Arthur vor Jahrzehnten auf einer Kur kennen gelernt hätten und nun den guten alten Kerl endlich besuchen wollten. Man glaubte uns wohlwollend, wir klängen zwar überhaupt nicht nach Leipzig, wie einer erzieherisch einwarf; ich zog beständig an meiner kalten Pfeife, bis eine Dame sagte, ich sollte damit aufhören, sonst würde dem kleinen Mann noch schlecht.

Einige Gäste wissen wohl bis heute nicht, wer sich unter den skurrilen Verkleidungen verbarg.

Es kam schließlich Onkel Manfred und seine schlaue Frau Irmtraut. Obwohl er nicht ein Onkel war, trug er diesen Titel, seit sein Besuch angekündigt war. Längst war es Frühsommer geworden, die Grundschulzeit neigte sich dem Ende entgegen und Ronny Friedrich warf bei seinen Antworten seinen Stuhl nicht mehr um.

Onkel Manfred und Irmtraut kamen in einem Lada. Wir standen auf der Straße, um das Ehepaar zu empfangen. Manfred war fast so groß wie eine Straßenlampe, seine Brillengläser breiter und dicker als die Helmut Kohls. Wahrscheinlich, weil er so lange im Auto gesessen hatte, hingen seine Schultern etwas vornüber, so dachte ich. Irmtraut reichte ihm bis zur Brust, sie trug ein leichtes Sommerkleid, auf dem Tausende kleiner Eistütchen aufgedruckt waren und das der warme Wind um ihre Beine schmiegte. Nachdem alle Hände geschüttelt waren und das Gepäck hinein getragen werden sollte – Irmtraut schaffte es sogar im Handumdrehen, meinen Vater als ihren Taschenträger zu engagieren – „No Gerhord, moch dich mo nützlich! – tat Manfred etwas Seltsames: Er ging um den Wagen, dessen Heckklappe er zuvor sanft verschlossen hatte, herum, legte die Hand auf die Motorhaube und sprach: „Hast du gut gemacht, Schätzchen.“ Dann führte er die Hand kurz den Kotflügel entlang, bevor er sie wieder an sich zog und nonchalant in der Sakkotasche verschwinden ließ.

Manfred fuhr Straßenbahn in Dresden. Manfred wusste alles. Er erzählte mir von Motoren, elektrischen und Verbrennern. Er erzählte mir von den Vögeln, ihren Stimmen und Nestern.

Er erzählte vom Bier, vom Brauen, von Hopfen und Gerste. Von Gesteinsschichten und Metallen. Von Bienen, Waben und Honig. Vom Fußball und dem großen FC Dynamo.

Er spielte das Klavier einige Häuser weiter, forderte die spröden Damen zum Tanz, zum Klang alten Schellacks.

Sein mayonnaiseweißer Lada stand vor der Hecke, herrisch wie ein Schwan die Straße hinab blickend. Er scherte sich nicht um die Kadetten und Golfs, die ihn passierten, blinkte nicht mal mit den Augen.

Siegen-Weidenau, April 2020