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30D-Geschichte von Edelgard Serick

Quelle: BMVI

  • Ihr Mann Felix schaltete am 9.11. kurz vor Mitternacht das Radio an und hörte von der Grenzöffnung, weckte dann Edelgard und deren Sohn Norbert.
  • Um etwa 2 Uhr erreichten sie den Übergang Heinrich-Heine-Straße, fuhren dann zum Zoo und ließen dort ihr Auto stehen.
  • Dort lagen sich die Menschen lachend und weinend in den Armen, berichtet Frau Serick.
  • Auf dem Rückweg (gegen 6 Uhr) wurde Tante Lieselotte besucht, die den Mauerfall verschlafen hatte und ihren Augen erst nicht trauen wollte.
30D-Geschichte von Edelgard Serick

Quelle: Privat - Edelgard Serick

30D-Geschichte von Edelgard Serick

Quelle: Privat - Edelgard Serick

Als Felix am 9.11. kurz vor Mitternacht wach wurde, schaltete er das Radio an und glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können, als der RIAS meldete, dass die Grenzen offen sind. Um sich zu vergewissern, stellte er einen anderen Sender ein. Der verkündete dasselbe. Daraufhin weckte er unseren Sohn Norbert und mich. Wir setzten uns in unseren Lada und fuhren los. Um etwa 2 Uhr erreichten wir den Übergang Heinrich-Heine-Straße, wo uns die verunsicherten Grenzbeamten einen dicken Ausreise-Stempel über das Passbild unseres Personalausweises machten und uns ohne jede Kontrolle passieren ließen.

In der Nähe des Bahnhofs Zoo stellten wir das Auto ab und lagen uns weinend und lachend in den Armen. Der Ku’damm war von der Polizei spontan zur Fußgängerzone umfunktioniert worden. Diese Stunden werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Und Tante Lieselotte wird die frühen Morgenstunden auch nicht vergessen haben. Auf der Rückfahrt kam ich auf die Idee, dass wir sie überraschen könnten, da sie in der Nähe der Heinrich-Heine-Straße wohnte. Gegen 6 Uhr drückten wir den Klingelknopf der Haustür, aber der Summer ertönte nicht. Als eine Frau aus dem Haus ihren Hund Gassi führen wollte, gelangten wir in das Treppenhaus und klopften an der Wohnungstür, weil die Klingel abgestellt war. Nach längerem Pochen stand uns Tante Lieselotte verschlafen im Morgenrock gegenüber und glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können. Sie war früh schlafen gegangen und hatte das scheinbar Unmögliche verschlafen.

Zunächst ging alles seinen normalen Gang weiter. Felix arbeitete bei der Akademie der Wissenschaften und ich als Mathe- und Physiklehrer an der Berliner Außenstelle einer Ingenieurschule, wo ich bis 1992 Fernstudenten unterrichtete. Dann war Schluss. Während Felix das große Glück hatte nach Abwicklung seines Institutes bei der Akademie an der TU Berlin als Oberingenieur angestellt zu werden, traf es mich nicht so günstig. Da meine Ingenieurschule nicht im Land Berlin lag (die Kollegen der Berliner Ingenieurschulen wurden nach deren Schließung übernommen), ging ich zur Schul-Senatsverwaltung in der Annahme, Lehrer in meinen Fachrichtungen und mit über 20 Jahren Berufserfahrung könnte man an Gymnasien gebrauchen. Aber man machte mir klar, dass man mein Physik-Diplom als 1. Staatsexamen anerkennt, aber den Abschluss des postgradualen Pädagogikstudiums, das wir Fachschullehrer zusätzlich machen mussten, könne man nicht anerkennen. So etwas gab es im Westen nicht. Ich solle mich doch für das zweijährige Referendariat bewerben. Da ich meinen Beruf liebte, tat ich das und bekam eine Absage wegen meines Alters. Nur durch Fürsprache von „Hanna-Granata“ Laurin, an die ich mich wandte, wurde ich doch noch zugelassen. Und machte dann mit 50 Jahren und längerer Berufserfahrung als zwei meiner Seminarleiter das zweite Staatsexamen an einem Neukölln Gymnasium. Danach arbeitete ich bis zur Rente weiterhin im ehemaligen Westberlin. Nie hätte ich mir das zu DDR-Zeiten vorstellen können!

Übrigens wurden alle meine ehemaligen Kollegen der Berliner Fachschule für Außenwirtschaft, sofern sie den „Gauck-Test“ bestanden, übernommen. Ich hatte dort zu Beginn meiner Lehrtätigkeit 6 Jahre gearbeitet. Als ich nach dieser Zeit unterschreiben sollte, alle Westkontakte abzubrechen und das nicht tat, musste ich diese Schule verlassen.