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1. Einleitung

Nach seiner Gründung im April durch Vertretungen von Bund, Ländern und Kommunen, hat das Nationale Kompetenznetzwerk für nachhaltige urbane Mobilität (NaKoMo) seine Arbeit aufgenommen. Es fanden bereits zwei NaKoMo-Workshops am 5. April 2019 zum Thema „Verkehrslenkung und Verkehrsmanagement“ in Darmstadt sowie am 2. Juli zum Thema „Digitale Datennutzung für nachhaltige Mobilitätslösungen“ in Hamburg statt.

Neben der Gründung des NaKoMo unterstützt die Bundesregierung im Rahmen des „Sofortprogramms Saubere Luft 2017 - 2020“ die Kommunen mit besonders hohen Stickstoffdioxid-Belastungen bei der Gestaltung nachhaltiger und emissionsarmer Mobilität. Mit der Förderrichtlinie „Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme“ (DkV) werden dabei Vorhaben im Bereich der Digitalisierung des Verkehrssystems gefördert, die kurz- bis mittelfristig zur Emissionsreduzierung der Luftschadstoffe beitragen.

NaKoMo bietet nun die Möglichkeit, die Ideen der DkV-Projekte auf weitere Kommunen in Deutschland zu übertragen und nachhaltige urbane Mobilitätslösungen bundesweit bekannt zu machen sowie Stakeholder aus allen Verwaltungsebenen zu vernetzen.

2. Themenfeld „Digitale Mobilitätslösungen für den Radverkehr“

Derzeit findet ein starker Wandel des Verkehrs- und Umweltverbundes hin zu einer „aktiven Mobilität“ statt. Der Ausbau des Radverkehrs ist Teil dieses Wandels und hängt auch mit der zunehmenden gesamtgesellschaftlichen Akzeptanz und Befürwortung des Radverkehrs zusammen. Die Stärkung des Radverkehrs im Modalsplitt erfolgt auf zahlreichen Ebenen, so auch durch die Einführung von digitalen Lösungen. Eine Vielzahl an Projekten aus dem Bereich der digitalen Mobilitätslösungen für den Radverkehr wurde folglich auch aus der DkV-Richtlinie gefördert.

Im Rahmen des Workshops setzten sich die Teilnehmenden in Form von Gruppendiskussionen und Fachvorträgen mit digitalen Lösungen für den Radverkehr auseinander. Die erörterten und im Rahmen der DkV-Richtlinie geförderten Lösungen umfassen Maßnahmen in den Bereichen

  • Radverkehrserfassung,
  • Bike Sharing Angebote,
  • Bike + Ride,
  • Fahrrad-Routing, sowie
  • Radverkehrslenkung und die Umsetzung „Grüner Wellen“ für den Radverkehr.

3. Vorträge der Stadt Mannheim und der VRN GmbH

Im Rahmen des Workshops wurde eine Auswahl an Praxisbeispielen aus dem Großraum Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen vorgestellt. Die intensiv vernetzte Region ist ein gutes Beispiel für interkommunalen Austausch und regionale Kooperation.

3.1 Digitalisierung der Fahrradmobilität (Vortrag Hr. Lukas Raudonat, VRN GmbH)

Zielsetzung

Ziel des Vorhabens ist es, Dienstleistungen der digitalen Mobilitätsplattform des Verkehrsverbundes zu erweitern und zu verbessern und somit den Radverkehr vermehrt in die Mobilitätsplattform zu integrieren.

Vorgehen

Das Vorgehen erfolgt dabei in zwei Phasen – der Planungsphase und der Umsetzungsphase. In der Planungsphase erfolgen die Analyse der Infrastruktur und die Bedarfsermittlung. In diesem Rahmen wird ein digitales Hintergrundsystem geschaffen, in das die Datenbestände zu Abstellanlagen, Ladepunkten und Wegen integriert werden. In diesem Kontext sollen auch eine oder mehrere Pilotkommunen festgelegt werden.

In der Umsetzungsphase erfolgen die Digitalisierung der Verknüpfungspunkte der Fahrradabstellanlagen und die Anbindung an die Verkehrsauskunft. Kameras sollen zur Erfassung einzelner Plätze eingesetzt werden, nicht aber zur Überwachung der Fahrradfahrer oder der Diebstahlsicherung. Wie genau die optische Erfassung durchgeführt werden soll, befindet sich derzeit noch in der Prüfung.

3.2 Bike + Ride Strategie (Vortrag Fr. Anna Hinrichs, VRN GmbH)

Zielsetzung

Im Rahmen des Vorhabens soll ein Konzept für ein verbundweites Bike + Ride System entwickelt und eingeführt werden, das die Verknüpfung von ÖPNV und Fahrrad fördert.

Vorgehen

Wichtige Komponenten des Bike + Ride Systems sind hochwertige und sichere Abstellanlagen für Fahrräder und Pedelecs (Boxen mit Stromanschluss und elektronischem Zugang) und die entsprechende Sensortechnik, die die Auslastung der Boxen anzeigt. Nach der Konzeptentwicklung in der Planungsphase erfolgt in der Umsetzungsphase ab Frühjahr 2020 die Detailplanung mit der Ertüchtigung und der Anbindung der Abstellanlagen an die multimodale Auskunftsplattform.

Geplant sind 30 Anlagen an 20 Standorten. Für die Boxen werden unterschiedliche Nutzungsdauern angeboten, die von kurzfristiger, flexibler Nutzung bis zur Langzeitanmietung reichen.

3.3 Einrichtung von digitalen Fahrradboxen für die Bike + Ride-Nutzung (Hr. Johanno Sauerwein, Stadt Mannheim)

Zielsetzung

Das Projekt ist eine Maßnahme aus dem Green City Plan der Stadt Mannheim. Die Maßnahme bietet folgende Vorteile:

  • Förderung Bike + Ride-Nutzung und Ride + Bike-Nutzung,
  • Prognose: Ersparnis von ca. 23 t Treibhausgasen pro Jahr unter Annahme, dass 20 % der Pendler auf das eingeführte System umsteigen und nun einen Weg von 2 x 10 km täglich mit dem Fahrrad zurücklegen (CO2 Fußabdrücke von Fahrrädern und ÖPNV nicht miteingerechnet),
  • Verringerung des Fahrraddiebstahls,
  • direkte Integration in digitale Verkehrsinformationssysteme für Nutzerinnen und Nutzer,
  • direkte Integration in digitale Verkehrsinformationssysteme für Betrieb und Verkehrsplanung.

Vorgehen

Im Rahmen des vorgestellten Vorhabens wurden zunächst die Bike + Ride-Anlagen und deren Auslastung an den einzelnen Standorten erfasst. Nach Analyse der Auslastung wurde entschieden, an welchen Orten in der Stadt digitale Fahrradboxen geplant werden sollen. Die Boxen ermöglichen ein sicheres Abstellen hochwertiger Räder durch eine einfache digitale Nutzung. Zusätzlich stehen den Nutzenden Lademöglichkeiten zur Verfügung. Vorgesehen sind sieben Standorte, die alle einen S-Bahn- bzw. Stadtbahnanschluss besitzen. Insgesamt sollen 70 Boxen errichtet werden.

Aktuell werden die Ausschreibung durchgeführt und erste Vorarbeiten gestartet. Die Nutzung soll ab Frühjahr 2020 möglich sein. Relevant für die Standortentscheidung sind auch Nutzerqualität, Wirtschaftlichkeit und die städtebauliche Integration. Zu klären bleibt die Frage nach der Einführung eines intelligenten Preissystems oder von Preisstaffelungen.

3.4 Dauerzählstellen für den Radverkehr (Vortrag Fr. Lea Jetter, Stadt Mannheim)

Zielsetzung

Im Rahmen des Vorhabens sollen die bestehenden Dauerzählstellen für den Radverkehr ausgebaut werden, um langfristige Trends und Entwicklungen in der Auslastung des städtischen Radverkehrs zu erkennen. Gleichzeitig sollen so witterungs- und saisonbedingte Nutzungsschwankungen im Radverkehr-Zählsystem erkannt und die Radverkehrsplanung exakter ausgestaltet werden.

Vorgehen

Zurzeit sind 13 Zählstellen vorhanden, die sich komplett um die Innenstadt verteilen. Neun weitere Zählstellen an wichtigen Verbindungen außerhalb der Innenstadt sollen hinzukommen. Geplant ist der Einsatz von Schleifen und Zählgeräten im Untergrund.

Die Fehleranfälligkeit der geplanten Schleifen ist gering. Zur Vermeidung von Problemen wurden im Vorfeld des Einbaus Interferenzmessungen durchgeführt, deren Ergebnisse als sehr zuverlässig beurteilt werden. Andere Lösungen haben sich als wenig erfolgreich erwiesen. So hat sich beispielsweise die Ausrüstung der Zählstellen mit Gummischläuchen langfristig als wenig belastbar gezeigt. Insbesondere bei einem hohen Anteil an KFZ-Verkehr und bei der Messung von Fahrradpulks ist es hierbei zu Problemen gekommen.

3.5 Digitaler Ausbau des regionalen Fahrradmietsystems (Vortrag Hr. Frieder Zappe, VRN GmbH)

Zielsetzung

Mietradsysteme sind ein wichtiger Bestandteil der nachhaltigen Mobilität der Zukunft und können einen Teil der Daseinsvorsorge darstellen. Die Integration der letzten Meile in das Gesamtsystem erscheint an dieser Stelle besonders bedeutsam.

VRNnextbike stellt ein solches Projekt zur Einführung eines flächendeckenden Mietradsystems dar. Im Rahmen des Projekts werden folgende Maßnahmen umgesetzt:

  • Markt- und Nutzungsuntersuchung als Beginn einer wissenschaftlichen Begleitung mit Fragen zum Nutzungsverhalten und der Verbindung zu anderen Verkehrsmitteln,
  • begleitende Wirksamkeitsstudie als Grundlage für die Bewertung neuer Standorte (Art und Umfang der Maßnahmen),
  • Ausrüstung der bestehenden ClassicBikes mit sogenannten Framelocks, u. a. für einen einheitlichen App-gesteuerten Zugang,
  • Einrichtung von neuen Rent-By-App Stationen mit Smart-Sign,
  • Anschaffung neuer Smartbikes, Pedelecs oder Lastenfahrräder.

Vorgehen

Als Systemverbesserungen im VRNnextbike System sind SmartBike Stationen mit Framelock unter Einsatz einer Rent-by-App geplant, die einen flexiblen und einfachen Zugang bieten. Langfristig sollen auch Lastenräder in das System integriert werden. Die Lastenräder sollen dann an verschiedenen Standorten ausgeliehen und abgestellt werden können (A-B-System). Dank dieser Maßnahmen soll das Fahrradmietsystem attraktiver und effizienter werden.

Das Projekt umfasst 17 Kommunen, die flächendeckende Etablierung des Systems wird rund zwei Jahre in Anspruch nehmen. Um ein System wie VRNnextbike wirtschaftlich am Leben zu halten, ist die finanzielle Beteiligung der Kommunen notwendig.

4. Gemeinsame Fragestellungen und Herausforderungen

Im Rahmen des Workshops wurden die drei Unterthemen Radverkehrserfassung, Routing und Radverkehrslenkung identifiziert, zu denen in Kleingruppen diskutiert wurde. Im Laufe der Diskussionen hat sich gezeigt, dass sich die Akteure in den genannten Bereichen mit ähnlichen Fragestellungen und Herausforderungen konfrontiert sehen (siehe Abbildung 1).

Grafik Gemeinsame Fragestellungen und Herausforderungen
Abbildung 1: Gemeinsame Fragestellungen und Herausforderungen

Quelle: BMVI

Daten

Bei der Verarbeitung von Verkehrs- und Mobilitätsdaten ergeben sich Herausforderungen bei der Erhebung und Auswertung der Daten sowie bei der Einhaltung der Vorgaben des Datenschutzes. Die Qualität der Daten ist in manchen Fällen nicht einheitlich. Darum ist es für die Kommunen wichtig, eigene Datengrundlagen zu schaffen. In diesem Zusammenhang ist es allerdings entscheidend, auch für ausreichende Ressourcen zur Analyse und Pflege der Daten zu sorgen. Häufig liegen Daten vor, können aber nicht in ausreichendem Maße verarbeitet werden. Auch ein Zusammenführen privatwirtschaftlicher und öffentlicher Datensätze ist von besonderer Bedeutung.

Darüber hinaus stellt der Datenschutz eine Herausforderung dar. Avisierte Maßnahmen müssen konform mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sein. Daher ist u. a. ein intensiver Austausch zwischen den Datenschutzbeauftragten der Kommunen und beispielsweise kommunaler Unternehmen notwendig. Zudem ist die Datenhoheit meist nicht klar und damit auch die Frage, wer die Daten verwaltet.

Finanzierung

Bereits bei den Vorträgen zeigte sich, dass die Finanzierung von Radverkehrsmaßnahmen eine entscheidende Rolle spielt. Da der politische Wille, den Radverkehr zu fördern, in den letzten Jahren stark angestiegen ist, sind derzeit eine Reihe von Fördermöglichkeiten vorhanden. Dennoch stellt insbesondere die langfristige Finanzierung eine Herausforderung dar. Die Erhebung und Verarbeitung von Daten erfordert ein hohes Maß an finanziellen und personellen Ressourcen.

Kooperation / Kommunikation / Zuständigkeiten

Die Koordinierung und Abstimmung von Maßnahmen zwischen Kommunen oder zwischen Kommunen und kommunalen Unternehmen kann eine weitere Herausforderung darstellen. Auch die Zuständigkeiten (z. B. Baulastträger) bei umfangreichen Projekten sind nicht immer klar definiert. Abstimmungen bei der Finanzierung stellen eine zusätzliche Hürde dar.

Standardisierung

Nach Wahrnehmung der Teilnehmenden werden bei der Umsetzung von Radverkehrsmaßnahmen teilweise Standards wie die „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA)“ nicht einheitlich angewandt. So sind nach Einschätzung der Teilnehmenden im Stadtbild unterschiedlicher Kommunen Radwege z.T. in verschiedenen Farben markiert oder die Definition von Fahrradstraßen nicht klar kommuniziert. Das Einhalten bestehender Standards würde die Umsetzung von Maßnahmen vereinfachen und die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Radverkehr zusätzlich stärken.

5. Ergebnisse

Im Rahmen der Kleingruppendiskussionen konnten zu genannten Herausforderungen folgende Lösungsansätze erarbeitet werden:

Daten

Einheitliche Datenplattformen oder die Bereitstellung von Open Data können Lösungsansätze für die Problematik der Datenverfügbarkeit und –verarbeitung sein. Die Lenkung und Planung des Radverkehrs kann zudem durch den Einsatz von geographischen Informationssystemen zur visuellen Darstellung erhobener und ausgewerteter Daten weiter optimiert werden.

Finanzierung

Eine stärkere Kooperation und Kommunikation zwischen kommunalen oder kommunenübergreifenden Akteuren kann die langfristige Finanzierung von digitalen Radverkehrslösungen sichern.

Kooperation / Kommunikation / Zuständigkeiten

Die geförderten Projekte zeigen, dass ein kontinuierlicher Austausch zwischen Kommunen, Bund, Ländern und weiteren Akteuren Voraussetzung für eine nachhaltige und effektive Umsetzung digitaler Radverkehrslösungen ist. Der Workshop zeigte zudem auf, dass der Austausch zwischen verschiedenen Projektverantwortlichen sehr stark gewünscht ist. Best-Practice-Beispiele und der Austausch auch mit internationalen Partnern können der schnelleren und effizienteren Umsetzung von Maßnahmen dienen.

Standardisierung

Leitlinien oder Standards zur Umsetzung von Maßnahmen, wie beispielsweise die „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA)“, sorgen für eine Verringerung der Hemmnisse und eine höhere Akzeptanz bei anderen Verkehrsteilnehmenden. Die bestehenden Standards sollten daher bei der Umsetzung von Maßnahmen kommunenübergreifend berücksichtigt werden.

6. Ausblick

Themenfeld „Digitale Mobilitätslösungen für den Radverkehr“

Der Workshop hat gezeigt, dass ein regelmäßiger Austausch zwischen den Kommunen gewünscht ist, da der kontinuierliche Erfahrungsaustausch die Verfolgung neuer Entwicklungen maßgeblich vereinfachen kann. Die Teilnehmenden wünschen sich die Vorstellung zusätzlicher Best-Practice-Beispiele, gerne auch aus dem internationalen Kontext.

Darüber hinaus haben sich folgende offene Punkte ergeben:

  • Fördermöglichkeiten: Welche weiteren Fördermöglichkeiten zur Förderung des Radverkehrs gibt es auf Bund- und Landesebene?
  • Die Themen Datenverfügbarkeit und Datenschutz sollten vertiefend diskutiert werden
  • Einbindung der Privatwirtschaft: Wie kann eine effiziente Einbindung auf Augenhöhe erfolgen?

Nationales Kompetenznetzwerk für urbane nachhaltige Mobilität (NaKoMo)

Im Rahmen des NaKoMo werden auch in Zukunft weitere Workshops zu Themen der nachhaltigen, urbanen Mobilität stattfinden, bei der sich ZuwendungsempfängerInnen und Kommunen untereinander und mit Stakeholdern aus Bund und Ländern austauschen und vernetzen sowie gemeinsam an Mobilitätslösungen arbeiten können.

Ein weiterer Meilenstein im Aufbau des NaKoMo besteht in der ersten NaKoMo-Jahreskonferenz zum Thema „Mobil. Digital. Nachhaltig. Urbane Räume von morgen.“ am 20. und 21. November 2019 in Berlin, bei der Zuwendungsempfänger und Kommunen sowie Vertreter aus Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden zusammenkommen, um sich intensiv mit aktuellen Fragestellungen und Entwicklungen im Bereich der nachhaltigen Mobilität auseinanderzusetzen.

Ab Ende November 2019 wird zudem die digitale Austauschplattform NaKoMo zur Verfügung stehen. Die Austauschplattform dient dem regelmäßigen Austausch der Mitglieder des NaKoMo, der Organisation von Workshops und Events, der Vorstellung aktueller Entwicklungen und Mobilitätslösungen sowie dem gemeinsamen Arbeiten an Mobilitätslösungen.

Die Dokumentationen vorangegangener Workshops sind bereits jetzt hier zu finden.