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Sag mal, ist das nicht langweilig?“ Pendler werden es kennen: Es dürfte eine der meist gestellten Frage sein, wenn man sich als Viel-Bahnfahrer outet. Manchmal wird direkt hinterhergeschickt: „Wie viele Bücher hast Du denn da schon gelesen?“ Die ehrliche Antwort ist: kein einziges! Nicht, weil ich Bücher nicht zu schätzen wüsste, sondern weil ich dafür gar keine Zeit habe. Fünf Stunden am Stück im Zug – ja, das ist viel Zeit. Das bedeutet aber auch: Man hat viel Zeit für menschliche Begegnungen – und um dazuzulernen. Man trifft Studenten, die aufgeregt von ihrer nächsten Prüfung erzählen, und wird dabei vor nie geahnte mathematische oder physikalische Herausforderungen gestellt: „Ich gebe Ihnen mal meine Unterlagen. Könnten Sie mich vielleicht abfragen?“
Keine Frage: Bahnfahren verbindet, insbesondere die Menschen zwischen Ost und West. Mein Weg durch Deutschland führt mich seit fast fünf Jahren jede Woche von Düsseldorf nach Berlin – und umgekehrt. Da das Leben im besten Sinne des Wortes keine Einbahnstraße, sondern ein stetes Geben und Nehmen ist, wurde mir dabei schon allerhand angeboten: Gummibärchen, Reiskräcker, eine halbe Banane oder sogar ein ganzes Marmeladenbrötchen, natürlich mit viel Liebe geschmiert und mit dem Ertrag aus dem eigenen Garten gekrönt. Für mich wächst Deutschland zusammen, wenn man im Zug sitzt und neben Erdnüssen oder Salzstangen auch persönliche Erlebnisse teilt. So erfährt man beispielsweise von der Ärztin, die eigentlich im Bergischen Land lebt, die es seit fast 25 Jahren jede Woche nach Berlin zieht, weil sie in einem Forschungsinstitut eine „wahnsinnig faszinierende Aufgabe hat, die es eben nur dort gibt“ – was ohne den Mauerfall wohl nicht möglich geworden wäre: „Als ich Ende der 70er studiert habe, wäre es undenkbar gewesen, am Wochenende in Wuppertal zu wohnen und montags in den Zug zu steigen, um wenige Stunden später in Ost-Berlin im Labor zu stehen.“
Zugausfälle, Verspätungen, Unwetter – ja, auch das gehört zum Pendler-Alltag dazu. Andererseits schweißt es die Zug-Gemeinschaft noch mehr zusammen. Wo sonst trifft man auf so geballte Solidarität, wenn man laut seufzend hofft, dass der Anschlusszug bitte doch noch warten möge? Wo sonst werden parallel so rasant die Smartphones gezückt, um gemeinsam nach Alternativen zu suchen? Wo sonst werden Fremde so zügig Vertraute?
Bahnfahren zwischen Ost und West – das heißt für mich auch: Man sitzt neben emotional bewegten Mitfahrern, die Zug um Zug ihre Gefühle offenbaren und um eine ehrliche Diagnose bitten: „Glauben Sie, dass unsere Fernbeziehung hält?“ Und man begegnet tiefsten menschlichen Abgründen - zum Beispiel einem Doktor, der gar keiner ist. Blut, Intrigen und Herzschmerz: Manchmal spielen sich die Dramen des Lebens mitten im Zug ab. Also vorausgesetzt, es sitzt ein falscher Arzt neben einem: ein Schauspieler, der aus Köln stammt, auf dem Weg zum Drehort nach Potsdam ist und mit lauter Begeisterung seinen Text lernt. Bahnfahren durch Deutschland, von Ost nach West oder West nach Ost – das ist alles andere als langweilig!

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