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Dr.-Ing. Hansgerd Terlinden

Quelle: HVBG Wiesbaden

Ich habe zwischen 1981 und 1987 „Geodäsie“ an der Universität Bonn studiert und im Anschluss daran zunächst als vermessungstechnischer Angestellter in einer Forschungskooperation zwischen einem ÖBVI-Büro und einem Hochschulinstitut erste Berufserfahrungen gesammelt. Im Jahr 1993 habe ich dann bei der Bezirksregierung in Köln die Ausbildung des technischen Referendariats im Prüfungsausschuss „Vermessungs- und Liegenschaftswesen“ (heute heißt dieser „Geodäsie und Geoinformation“) aufgenommen und 1995 als Assessor abgeschlossen.

Nach dem Referendariat bin ich als leitender Angestellter in den Bayer-Konzern eingetreten, wo ich dreizehn Jahre lang in unterschiedlichen Funktionen und an drei verschiedenen Unternehmensstandorten tätig war – zunächst als Abteilungsleiter „Erschließung/Vermessung“ im Werk Krefeld-Uerdingen, als Leiter „Standortplanung/Erschließung/Dokumentation“ im Werk Dormagen, später als Referent im Chemiepark-Büro in Leverkusen und für mehrere Jahre als Leitender Key Account Manager bei Bayer Industry Services/Currenta. Seit 2008 leite ich nun als Präsident das Hessische Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation mit 350 Beschäftigten und bin Mandantenleiter der Hessischen Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation mit insgesamt 1600 Beschäftigten.

Mit den verschiedenen beruflichen Abschnitten haben sich auch die Aufgaben und Arbeitsinhalte verändert: während meiner Tätigkeit in einem Großkonzern konnte ich mich mit sehr vielen verschiedenen Aufgabenfeldern vertraut machen und mein Aufgabenschwerpunkt hat sich von technischen Führungsaufgaben hin zu leitenden Führungsverantwortungen im Bereich Marketing/Vertrieb erweitert. Seit 2008 bin ich im öffentlichen Dienst Spitzenführungskraft. Hier stehen besonders die Verwaltungsmodernisierung aber auch die Effizienzsteigerungen im öffentlichen Dienst im Mittelpunkt meiner Tätigkeit. Managementaufgaben wie Verwaltungssteuerung, Organisationsreform und Personalmanagement bereichern neben den fachlichen Aufgaben (Wechsel im Produktportfolio, Implementierung neuer Rahmenbedingungen etc.) meinen beruflichen Alltag.

Aufbauend auf dem im Studium vermittelten Wissen und meinen mehrjährigen Berufsvorerfahrungen hat mir das technische Referendariat einen sehr guten Überblick über die unterschiedlichsten öffentlichen Verwaltungen, die einen Bezug zum Fachgebiet „Geodäsie und Geoinformation“ haben, ermöglicht. Als Referendar habe ich eine offene Aufnahme in den Verwaltungen bzw. Ausbildungsstationen gefunden und mit den Kolleginnen und Kollegen einen intensiven fachlichen Austausch „auf Augenhöhe“ erleben dürfen.

Durch das Referendariat sind nicht nur Netzwerke entstanden, sondern ich konnte auch erste berufliche Kontakte knüpfen. So haben beispielsweise potentielle Arbeitgeber aktiv bei der Ausbildungsstelle nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten gefragt. Die Ausbildungsstelle hat es auch übernommen, Vorstellungsgespräche im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft zu vermitteln.

Und die entstandenen Netzwerke tragen bis heute. Meine unmittelbaren fünf Kolleginnen und Kollegen aus der Referendarzeit bei der Bezirksregierung Köln sind deutschlandweit in den unterschiedlichsten Bereichen tätig und wir stehen immer wieder Kontakt. Viele Berufskollegen in meinem beruflichen Umfeld in Hessen – in der öffentlichen Verwaltung und in Büros als ÖBVI - haben wie ich erfolgreich das Referendariat abgelegt und haben damit eine besondere fachliche Nähe und eine gute Basis für einen intensiven fachlichen Austausch.

Die zusätzliche Ausbildung hat mich für meine späteren Tätigkeiten qualifiziert. Das technische Referendariat hat beispielsweise gut auf Verwaltungsstrukturen – wie sie sich insbesondere auch in großen Unternehmen wiederfinden – vorbereitet und einen breiten Überblick über das allgemeine und besondere Verwaltungsrecht gegeben. Auch Kenntnisse über Betriebsführung sowie Planung wurden vermittelt und die an der Universität erworbenen Fachkenntnisse konnten in der Praxis erprobt werden. Ein fachlicher Austausch mit diversen Stellen im eigenen Konzern und mit wirtschaftlichen aber auch politischen Akteuren außerhalb des Unternehmens wurde dadurch leichter möglich. So hat mir die Ausbildung die Entwicklung zu einem „Partner auf Augenhöhe“ für unterschiedliche öffentliche Verwaltungen und Institutionen ermöglicht. Nicht zuletzt deshalb ist das technische Referendariat aus meiner Sicht Voraussetzung für eine Fach- und Führungskarriere im öffentlichen Dienst.

Auch heute ist das technische Referendariat noch eine empfehlenswerte, qualifizierende Ausbildung. Sie ergänzt aktuelles Wissen von den Hochschulen um verwaltungsspezifisches Wissen, bietet einen guten Einblick in die öffentliche Verwaltung und ist damit eine solide Basis für eine berufliche Laufbahn im öffentlichen Dienst oder in der Wirtschaft mit Beziehungen zur öffentlichen Verwaltung – sei es als Kunde, Partner oder Dienstleister.

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Vita möchte ich jungen Universitätsabsolventinnen und -absolventen empfehlen, sich nicht zu früh auf eine Karriere in der Wirtschaft oder in der Verwaltung festzulegen. Schauen Sie nicht auf kurzfristige Verdienstmöglichkeiten, sondern investieren Sie in Ihre Ausbildung und bilden Sie möglichst früh eine breite fachliche Basis als soliden Ausgangspunkt einer Karriere als Fach- oder Führungskraft. Ich würde sowohl Kontakte zu kleinen oder mittleren Ingenieurbüros als auch zur Großindustrie sowie zu öffentlichen Verwaltungen suchen und in den verschiedenen „Welten“ Erfahrungen sammeln. Ein Wechsel zwischen Industrie und Verwaltung ist heute leichter möglich, die „Durchlässigkeit“ hat sich erhöht. Solche Wechsel bieten die Chance neuer Perspektiven für eine erfolgreiche Fach- und Führungskarriere. Sie werden noch Jahre und Jahrzehnte später von Ihren Kenntnissen und Erfahrungen aus der Referendarzeit profitieren.