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Die Corona-Krise ist auch eine Krise der Mobilität. Wie sollen Menschen noch Bus und Bahn fahren oder in ein Flugzeug steigen, ohne sich einem großen Ansteckungsrisiko auszusetzen? Wie können Airlines überleben, die über Monate keine Geschäfte machen? Und wie kommt bei alldem der Klimaschutz nicht zu kurz? Über diese Fragen hat ZEIT ONLINE mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Scheuer, die Bildungsminister der Länder wollen alle Schülerinnen und Schüler bis zu den Sommerferien zumindest tageweise wieder in die Schule schicken. Es wird wieder voller in Bussen und Bahnen. Wie kann man verhindern, dass sich viele Menschen dort anstecken?

Man braucht einen gewissen Vorlauf, um den Schülertransport vor Ort überhaupt ermöglichen zu können. Gerade ist die komplette Busflotte stillgelegt, die Busfahrer sind in Kurzarbeit. Und dann stellt sich die Frage: Brauchen wir eine Maskenpflicht in den Schulbussen? Ich bin dafür. Man kann im Bus nicht ständig messen, was 1,50 Meter ist. Aber man kann durch eine Maskenpflicht sensibilisieren, dass jeder sich und andere schützt. Eine andere Frage: Wie viele Plätze müssen frei bleiben? Wenn es jeder zweite sein soll, braucht man schlimmstenfalls einen zweiten Bus. Und das gilt nicht nur für die Schülerbeförderung, sondern für alle Busse und Bahnen. Das muss logistisch geklärt sein.

Muss es dann eine Kompensation vom Staat für die Unternehmen geben?

So ist es. Wenn ich einer Airline oder der Bahn sage, der Platz bleibt frei, können sie damit kein Geld verdienen. Es ist aber eine dringend benötigte Infrastruktur. Das Gleiche gilt für Busse. Um die sehr mittelständisch geprägte Busbranche machen wir uns gerade parteiübergreifend Sorgen. Hier werden wir helfen müssen.

Kommunale Verkehrsunternehmen können die verloren gegangenen Ticketeinnahmen kaum kompensieren. Viele Kommunen sind zu hoch verschuldet, um das auszugleichen. Wenn die Länder nicht einspringen, hilft der Bund?

Wir haben vor Corona die Gemeindeverkehrsfinanzierung um mehrere Milliarden Euro erhöht. Das betrifft den Bau und den Unterhalt des Systems. Für den Betrieb haben wir bei den Regionalisierungsmitteln vor der Krise bereits Milliarden draufgelegt. Seit Anfang März haben wir jede Woche eine Schalte mit den Länderverkehrsministern. Eine Arbeitsgruppe kam da zu dem Ergebnis, dass fünf Milliarden Euro im Nahverkehr fehlen wegen Corona. Darüber sind wir im Gespräch.

Wer kontrolliert eigentlich, ob die Maskenpflicht im Nahverkehr eingehalten wird? Soll eine Busfahrerin nicht losfahren, wenn sich ein Fahrgast weigert, eine Maske zu tragen?

Für die Einhaltung sind die Kommunen und Bundesländer zuständig. Natürlich muss man dem Personal die Möglichkeit geben, die Vorgaben umzusetzen. Wahrscheinlich wird es so sein, dass der Busfahrer einen Packen Masken dabeihat, damit er einer älteren Dame eine geben kann, die ihre zu Hause vergessen hat. Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu panischen Aktionen kommt oder zu Denunziationen, nur weil mal einer seine Maske vergessen hat. Ich sehe in den Supermärkten, dass mittlerweile fast alle eine Maske tragen, und mit der Pflicht werden es hundert Prozent, weil dann auch das Sicherheitspersonal darauf achtet. Wir brauchen eine neue Achtsamkeit in unserer Gesellschaft.

Sie sprechen sich auch im Fernverkehr der Bahn für eine Maskenpflicht aus. Sollte die Bahn außerdem Sitzplatzreservierungen verpflichtend machen, um überfüllte Züge zu verhindern?

Im TGV in Frankreich muss man reservieren, in Deutschland haben wir einen riesigen Erfolg mit dem offenen System. Ich bin ein Verfechter davon. Aber wir sammeln Vorschläge und lassen uns beraten. Eine Reservierungspflicht wäre über die Apps der Bahn theoretisch machbar. Wir diskutieren das gerade mit den Ministerien für Inneres und Gesundheit, den Verkehrsverbänden und den Bundesländern. Wir reden auch mit den europäischen Kollegen über Schutzmaßnahmen, weil es widersinnig wäre, in Deutschland eine Entscheidung zu treffen, und die Franzosen und Italiener würden es im grenzüberschreitenden Verkehr anders regeln.

Und was ist mit Flugreisen? Sollte am Sicherheitscheck nun auch die Temperatur gemessen werden wie in Wien?

Die Airlines und die Verbände haben vorgeschlagen, Temperaturscreening an den Sicherheitsschleusen einzuführen. Ich kann mir das vorstellen: Wir haben die Technik, in anderen Ländern wird das schon gemacht.

Aber nicht jeder, der Corona hat, kriegt Fieber.

Ich muss ja Ausschlusskriterien entwickeln, wer an Bord darf und wer nicht. Temperaturscreening kann ein Mittel sein, es wird nicht das alleinige sein. Letztlich werden wir das auch nicht allein entscheiden, sondern sind dazu mit den Experten im zuständigen Gesundheits- und Innenministerium im regen Austausch.

"Die Geschäftsreisen werden sicher zurückgehen"

Viele Menschen arbeiten derzeit im Homeoffice, kaum jemand verreist. Was bedeutet Corona für den Klimaschutz in der Mobilität?

Wir werden einen Digitalisierungsschub bekommen. Jetzt werden Dinge möglich, die bisher an Datenschutzbedenken und den Ängsten vor Neuerungen gescheitert sind. Ich sehe es an meiner Partei: Ein virtueller Parteitag ist kein Problem mehr. Da werden neue Geschäftsmodelle entstehen, und auch Lieferdienste werden durchstarten. Die Auswirkungen von Corona auf die Klimaziele gilt es zu beobachten, aber das ist noch zu früh. Die Geschäftsreisen werden sicher zurückgehen. Statt Kurztrips von Düsseldorf nach Berlin wird es Videokonferenzen geben.

Das sind die positiven Effekte. Aber wenn Unternehmen ums Überleben kämpfen, rückt Klimaschutz dann auf der Agenda nicht zwangsläufig nach hinten?

Das eine muss das andere nicht ausschließen. Wir diskutieren ja schon über Konjunkturpakete. Und natürlich müssen die auch unter dem Aspekt Klimaschutz stehen. Nur so können wir an dieser Stelle einen Innovationsschub erzeugen.

Welchen Schub sollte die Autoindustrie kriegen? Einen nur für Elektroautos?

Mindestens 25 Prozent unserer Wirtschaft hängen an der Automobilindustrie. Durch Kaufanreize für Autos kann man andere Branchen mitreißen – aber bitte immer mit dem Fokus auf Modernisierung, Innovation und Klimaziele. Man sollte bei einer Prämie alle Antriebsarten einbeziehen, jeweils die neuesten Motoren. Ich möchte technologieoffen bleiben.

In einer noch schwierigeren Lage als die Autoindustrie sind die Fluggesellschaften. Sie haben kein Geld mehr, durch neue Flugzeuge klimafreundlicher zu werden – und auch keinen Anreiz dazu, weil Kerosin günstig wie selten ist.

Die globale Luftfahrt wird sich neu ordnen. Ich kämpfe dafür, dass die deutsche Luftverkehrswirtschaft geschützt und gestützt wird. Lärm und Schadstoffe zu reduzieren, bleibt dabei wichtig. Dafür brauchen wir aber einen innovativen Flugzeugbauer wie Airbus und Airlines mit Potenzial. In der Krise wird es viele Hilfestellungen geben müssen. Ich möchte, dass die gewinnen, die innovativ unterwegs sind.

Die Rettung der Lufthansa steht kurz bevor. Das Unternehmen fürchtet jedoch, dass der Staat sich künftig zu sehr einmischen wird.

Auch wenn der Staat hilft, sollte das Unternehmen flexibel in seinen Entscheidungen bleiben. Wenn der Staat so viel Geld gibt, muss er natürlich einen Blick darauf haben, und es braucht klare Regeln.

Welche Regeln denn? Sollten Finanzhilfen an Klimaschutzvorgaben geknüpft sein, der Lufthansa etwa vorgeschrieben werden, mehr Biokerosin zu nutzen?

Der Klimaschutz in der Luftfahrt ist schon auf europäischer Ebene vorgeschrieben. Die Branche ist als eine von wenigen im EU-Emissionshandel integriert. Trotz des Wachstums im Luftverkehr sind die Emissionen in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, sondern auf dem gleichen Niveau geblieben. Da ist schon Innovation passiert. Aber natürlich kann man noch mehr fordern. Wir arbeiten gerade daran, synthetischen, klimaneutralen Kraftstoff konkurrenzfähig zu machen. Zurzeit ist er noch zu teuer im Vergleich zu herkömmlichem Kerosin.

Berlin hat die leeren Straßen genutzt, um Spuren für Radfahrerinnen freizugeben. Sollten andere Städte sich das als Vorbild nehmen?

Ich bin gespannt, wie sich diese Spuren bewähren. Aber nicht jede Stadt bietet sich für dieselben Maßnahmen an, solche Entscheidungen müssen die Politiker vor Ort treffen. Wir brauchen vor allem nicht temporär, sondern dauerhaft gute Radwege. Wir als Bundesministerium geben den finanziellen und rechtlichen Rahmen. Gerade arbeiten wir an einem Nationalen Radverkehrsplan, ich habe gerade drei Förderbescheide für Radschnellwege in Nordrhein-Westfalen unterzeichnet. Und die Änderungen der Straßenverkehrsordnung, die am Dienstag in Kraft getreten sind, schützen Radfahrer und Fußgänger besser als bisher.

Die Corona-Krise beherrscht gerade Politik und Medien. Sind Sie froh, dass das Mautdebakel in den Hintergrund gerückt ist?

Ich werde sicher weiter Gelegenheit haben, in parlamentarischen Gremien wie dem Untersuchungsausschuss Auskunft zu geben.

Das Interview führten Sören Götz und Claas Tatje